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Umzug

Liebe Leser,

ein gutes Jahr ist es nun her, dass ich diesen Blog begonnen habe. Damals war ich noch nicht sicher, ob dies ein langfristiges Projekt sein würde, oder nur eine kurze Schreib-Affäre. Und so reichten dann auch eine bescheidene WordPress.com – Adresse und eine Menge Ihres Wohlwollens und der Bereitwilligkeit, über optische Mängel hinwegzusehen. Da aber nun klar ist, dass mittlerweile mein Herz an diesem Blog hängt und er noch eine Weile länger existieren soll, hielt ich es für angebracht, endlich eine offizielle und ansprechendere Seite einzurichten.

Sie finden mich also von heute an unter www.Tonfarbe.us  

Ich würde mich freuen, wenn Sie auch dort weiter mitlesen und mitdiskutieren und freue mich auf Ihren Besuch.

Auch möchte ich mich noch einmal ausdrücklich bei allen bedanken, die mit ihrem Mitwirken, ihrer Neugier und ihrem Interesse das langfristige Bestehen ermöglicht haben.

Bis demnächst auf Tonfarbe.us

Die Sozialdemokratie ist tot

Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch.com

Das Medien- und Bürgerinteresse, das die gestrigen Landtagswahlen im Vorfeld und im Nachhinein begleitete war groß. Größer, als für Landtagswahlen üblich. Die Wahl galt als Stimmungstest für die Bundestagswahl im kommenden Jahr.

Viel wichtiger aber: Es war die erste Wahl seit der „Flüchtlingskrise“, die die Gesellschaft seit Monaten in Wut- und Mutbürger teilt. Schon seit Wochen war klar, dass die AfD trotz, oder gerade wegen, Schießbefehlrhetorik in den Landtag würde einziehen können. Vor den ersten Hochrechnungen lagen die Prognosen bei geschätzten 15 Prozent AfD-Wähleranteil in Sachsen-Anhalt, für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz galten 11 Prozent als wahrscheinlich.

Im Vorfeld gesichert schien, dass in Baden-Württemberg Kretschmann, der erste grüne Ministerpräsident, auch weiterhin würde regieren können, auch wenn die CDU in Umfragen nur wenige Prozentpunkte hinter den Grünen rangierte.

In Rheinland – Pfalz lagen, laut Prognosen, CDU (Julia Klöckner) und SPD (Malu Dreyer) fast gleichauf, so dass man hier bereits von einer kommenden großen Koalition ausgehen durfte.

In Sachsen-Anhalt drohte vor allem der SPD, die dort nur noch bei etwa 15% zu liegen schien, das Debakel. Umfragen sahen sie noch hinter der CDU von Reiner Haseloff (ca. 32%), den Linken (ca. 20%), und der AfD (17%). Die Fortsetzung der schwarz-roten Regierung war ungewiss.

Schon am Nachmittag war klar, dass die Wahlbeteiligung in allen drei Bundesländern deutlich gestiegen war. Das drohende gute Abschneiden der AfD hatte nicht nur deren Wähler mobilisiert, sondern auch Menschen an die Wahlurnen geholt, die dies verhindern wollten.

Erschreckend dennoch, was dieser Tage als „hohe Wahlbeteiligung“ gilt. Laut heute.de lag diese in Rheinland-Pfalz bei 71 5 % (61,8 % vor fünf Jahren), in Sachsen-Anhalt bei 47,1% (51,2 % fünf Jahre zuvor) und in Baden-Württemberg bei über 72%.

Die ersten Hochrechnungen sehen nun wie folgt aus:

Baden-Württemberg: CDU 27,5%, Grüne 32,0%, SPD 13,0%, FDP 8,0% , AfD 12,5%

Sachsen-Anhalt: 29,0% CDU, Linke 17,0%, SPD 11,5%, Grün 5,5%, AfD 23%, FDP 5%

Rheinland-Pfalz: SPD 37,5%, CDU 32,5%, Grüne 5,5%, FDP 6,0%, AfD 11.0%, Linke 3,0%

Die Jubelbilder nach den ersten Hochrechnungen sind unangebracht. Die Parteien der Mitte verlieren zusehends Wähler. Das Ergebnis ist kein Grund zum Feiern für Kretschmann und Dreyer. Und ganz sicher keiner für Haseloff.

Angesichts des Rechtsrucks und der Tatsache, dass trotz drohenden Rechtsrucks immer noch knapp 30% der Menschen nicht wählen gehen, sollte man sich in aller Ernsthaftigkeit mit den Ursachen der Demokratiemüdigkeit auseinandersetzen.

Dazu gehört auch, den Grund für diese nicht ausschließlich in der Flüchtlingskrise, die eigentlich eine Hilfeinfrastrukturkrise ist, zu verorten und mit einem „Weiter so!“ darauf zu hoffen, die Stimmung möge sich von allein wieder beruhigen. Der Andrang der Flüchtenden mag als Katalysator beschleunigend gewirkt haben, hat aber nur Defizite offengelegt, die auch vorher schon schwelten und für Resignation sorgten. Es gälte, nicht nur das Symptom AfD und Rechtsruck zu verteufeln (zu Recht), sondern auch die Ursachen dafür zu benennen und anzugehen.

Bezeichnender als der Rechtsruck hinsichtlich der Frage nach Ursächlichkeit ist wohl nur das sichtbare Schwinden der SPD, über das auch der Pyrrhussieg von Malu Dreyer, die ihren Erfolg eher der eigenen Person zu verdanken hat, nicht hinwegtäuschen kann. Zur Erinnerung: Die SPD holte in Rheinland-Pfalz 2006 noch 45,6 % und liegt in den Umfragen bundesweit bei lediglich 24%.

Die Sozialdemokratie in diesem Land ist tot.

Das Siechtum der SPD, es ist verdient und selbstverschuldet. Die Abkehr von der Arbeitnehmerpartei, der Partei des vielbesungenen „kleinen Mannes“, hin zur Partei der Wirtschafslobbyisten (siehe z.b. Gabriels ganzseitige TTIP – Werbung am Tag der größten TTIP-Demo), sie ist in Gänze vollzogen und dafür nicht annähernd genug abgestraft. Die SPD war sich, spätestens seit Schröder, für wenig zu schade. Gewerkschafts- und Arbeitnehmerrechteunterwanderung, Ausbau des Niedriglohnsektors, Rentenminderung, Eindämmung von Sozialbau, Begrenzung der Streikrechte, Strafmentalität in Form von Sanktionen gegen angeblich „unwillige“ Transferempfänger, künstliche Verknappung von bezahlbarem Wohnraum, künstlich niedrig gehaltene Löhne in Zeiten des Wachstums. Wer heute noch SPD wählt gehört entweder zur Gruppe derer, die „halt immer schon SPD gewählt haben“ weil das Familientradition ist, oder die schlicht nicht genug Politikbewusstsein mitbringen, um die massiven Einschnitte in Lohn und Sozialleistungen, Absicherungen und Renten hinter der rotgetünchten Rhetorik zu durchschauen. Dieses Land hat schlicht keine Sozialdemokratie mehr anzubieten.

Dabei wäre dieser Tage eine starke sozialdemokratische Partei wichtiger denn je. Die zunehmende Perspektivlosigkeit für Wähler, die mittlerweile einen wachsenden Teil der Bevölkerung ausmachen, hat den Rechten fruchtbaren Boden bereitet.

Von den Grünen, ebenfalls Wegbereitern der Agenda 2010, das wie kein anderes Projekt der letzten Jahre soziale Ungleichheit befeuerte, ist eher nicht zu erwarten, Alternativen zu bieten. Schon vor Jahren haben die sich ins konservative Besserverdiener-Lager abgesetzt und fahren offensichtlich gut damit.

Die CDU, bisher größter Profiteur der Defizite der Sozialdemokratie, nun zum ersten Mal abgestraft, hat noch mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Unter Kohl wie auch unter Merkel reduzierte sich die Partei auf die Parteiführung. Bremst dieses Verhalten sowieso den innerparteilichen Dialog der für die Demokratie so wichtig wäre, ist dies selten dramatischer gewesen als unter der Führung Merkels. Verließ man sich seit Jahren auf Umfragewerte und sonnte sich in deren Glanz, versinkt nun eine ganze Partei in Schockstarre und überlässt durchaus legitime und überfällige Kritik an der Kanzlerin den Radikalen und Pöblern der Sorte Seehofers.

Was das Land, wie auch die CDU selbst, jedoch mehr denn je bräuchten wären die Stimmen der Mitte, die den innerparteilichen Selbsterneuerungsprozess wieder in Gang bringen, sich auf Inhalte konzentrieren, ohne die eigene Existenzberechtigung aus Umfragewerten zu speisen oder lediglich den eigenen Machterhalt zum Ziel zu haben. Dazu gehört im Zweifel auch, ab von radikalen Rechten und Linken Debattenbeiträgen eigenständig zu einem sachlichen, selbstkritischen Diskurs zurückzufinden.

Bisher lassen sich in dem medial aufgeblasenen Diskurs unter Politikern wie auch in der Bevölkerung nur zwei Seiten ausmachen, die sich Gehör verschaffen:

Radikale auf der Rechten, die im Humanismus, im Festhalten an Genfer Menschenrechtskonventionen und der Verfassung, EU und Solidarität einen Anschlag auf ihre „Werte“ verorten und damit mit den Werten Deutschlands seit Mitte des letzten Jahrhunderts nichts mehr zu tun haben.

Und Anhänger der „Wir schaffen das!“- Begeisterung auf der Linken, die sich so sehr die bessere Welt wünschen, dass sie ebenfalls hohlen Phrasen und inhaltsleerer Rhetorik folgen und jeden, der Kritik am politischen Kurs Merkels übt, der faktisch nachvollziehbar einen großen Anteil an der Eskalation hatte und mit der rhetorischen Linie wenig zu tun hat, ins rechte Eck stellen und damit eine sachliche Debatte ebenfalls unmöglich machen.

Aber die sachliche Kritik an Merkel, die Kritik an der Politik der „Etablierten“ („Kritik“ und „sachlich“, wohlgemerkt, ist etwas anderes als Hass und Hetze, aufgestellte Galgen und Geschrei. Als kleiner Hinweis für die, die sich gerne angesprochen fühlen, obwohl sie selten angesprochen werden), sie ist überfällig, wenn wir den Rechten noch irgendetwas entgegensetzen wollen.

Merkel hat mit ihrer Sozial-, Arbeitsmarkt- und Außenpolitik erheblich zu den bestehenden Problemen beigetragen. Ihr fehlten von Beginn an Weitsichtigkeit und die Fähigkeit, konstruktiv zu gestalten anstatt nur zu reagieren. Viel zu lange hat sie an Dublin III festgehalten, auch als längst klar war, dass das Abkommen bei einer derartigen Menge an Flüchtenden nicht funktionieren konnte. Als Italien und Griechenland längst um Hilfe baten, wurden noch Gelder gekürzt und dafür Frontex geschickt. (Damals ertranken daraufhin vermehrt Menschen vor den Küsten). Und auch jetzt wird die Türkei mit 5-6 Milliarden bedacht, ein Land, das im Begriff ist, in die Diktatur abzurutschen, den europäischen Anrainerstaaten jedoch will man lediglich ein paar hundert Millionen Euro Hilfeleistung zukommen lassen. Wann, ist fraglich. Auch hat Frau Merkel eben nicht, wie so oft kolportiert, eine Politik der „offenen Grenzen“ betrieben, sondern eine dysfunktionale Politik der Abschottung die scheiterte und mit ihrem Scheitern die Flüchtlingsfrage zu einer Flüchtlingskrise machte. Der Zeitpunkt, eine funktionierende, deeskalierende Hilfeinfrastruktur zu schaffen, war verschlafen. Der Zeitpunkt, eine solidarische Verteilung zu erreichen, war ebenfalls verschlafen.

Wer jetzt Humanismus vorschiebt, um an alten Fehlern festzuhalten, der debattiert zu kurzsichtig. Ich will auch Humanismus, eine soziale, eine möglichst gerechte Gesellschaft ohne „Schießbefehle“ und Hass auf Minderheiten. Auf Dauer ist dies aber nur mit sozialem Frieden zu haben. Der wiederum ist nur gewährleistet, wenn z.b. Wohlstand im Land, wie auch Arbeit, ausgleichend verteilt sind. Dazu gehört auch eine schlichtende Rhetorik ohne hohle Phrasen. Was bedeutet „Wir schaffen das“? Wer ist „wir“? Was ist „das“? Wie lange sollen institutionalisierte, freiwillige und kostenlose Helfer die Arbeit der Regierung machen? Fragen, die man stellen dürfen muss. Und nicht zu vergessen bedarf es eines ausreichenden Maßes an diplomatischen Fähigkeiten, den Solidarbund Europa am Leben zu erhalten (oder wenigstens den Versuch zu wagen, solange dies noch möglich ist). Auch hier hat Merkel ein ums andere Mal versagt. Man denke, ein Beispiel unter vielen, an die Politik in Sachen Griechenland und Austerität, Eigeninteressenvertretung in Brüssel anstelle von solidarischer Politik auf Augenhöhe mit den Bündnispartnern, die sich nicht umsonst brüskiert fühlten und sich nun daran freuen, sich revanchieren zu können. Jetzt zu glauben, die Ursachen totschweigen zu können, aus Angst vor Rechts, bewirkt das Gegenteil. Das nicht ausgesprochene Wort verleiht auch Macht.

Merkel ließ, laut Tagesschau24, bereits eine halbe Stunde vor den ersten Hochrechnungen verkünden es sei „Zeitverschwendung darüber nachzudenken, inwiefern ihre Politik und die Wahlergebnisse zusammenhängen“. Bedauerlich.

Wo Menschen keine Alternative mehr in Demokratie sehen, wo ihnen ganz offen „Alternativlosigkeit“ entgegengeschleudert wird, wo sich beinahe alle Parteien übergreifend darauf geeinigt haben, Besserverdiener und Mittelstand zur einzig relevanten Wählergruppe zu erklären (nicht mal sonderlich geschickt, denn die Mittelschicht schrumpft noch immer), während das Prekariat wächst, da sehen die Empörten, die Ängstlichen, die Abgehängten ihre Lebensrealitäten in Hass-Rhetorik bestätigt. Da treten die Schwachen nach den Schwächeren. Da hält der Bildungsbenachteiligte es für eine kulturelle Errungenschaft an sich, „deutsch“ oder „Christ“ zu sein.

Da laufen die Menschen haltlosen Heilsversprechen einer „Alternative für Deutschland“ hinterher.

(Stand 18.12 Uhr – Tagesschau24. Es handelt sich um vorläufige Ergebnisse)

Reden wir über…

Stottern

Interview mit Ronja Zimm, seit frühester Kindheit von Stottern betroffen

 

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(Auf dem Foto: Ronja Zimm / Stottern – Momentaufnahmen / Fotografin: Laura Ludwig)

 

Für die meisten Menschen sind Sprache und das Sprechen an sich selbstverständliche Mittel zur Kommunikation. Wir nutzen sie, um uns mitzuteilen, unsere Emotionen und Bedürfnisse, unsere Meinung. Beim Einkaufen, in Beziehung und Familie, in Schule und Beruf ist das gesprochene Wort Basis für zwischenmenschlichen Austausch. Wie wichtig diese Fähigkeit zur Artikulation tatsächlich ist erfahren oft nur die, denen sie temporär oder langfristig abhandenkommt.

Allein in Deutschland stottern etwa 800.000 Menschen. Bei den meisten zeigt sich diese Sprechbehinderung bereits im Alter zwischen zwei und fünf Jahren. Per Definition ist Stottern eine „Unterbrechung des Redeflusses durch auffällige Blockaden, Wiederholungen oder Dehnungen.“ Tatsächlich entwickelt jedoch so gut wie jeder Stotterer ein individuelles Sprachbild mit ebenso individuellen Ausprägungen der Sprechstörung. Meist wird das Stottern von sekundären Symptomen begleitet. Dazu gehören z.b. das auffällige Verkrampfen der Gesichtsmuskulatur oder zusätzliche Körperbewegungen beim Sprechen. Zudem entstehen durch die gehemmte Kommunikation oft auch Rückzugstaktiken, zu denen das „Verschleiern“ gehört, bei dem Füllwörter oder Synonyme genutzt werden, um bekannte Sprachblockaden zu umgehen, aber auch gravierendere Selbstschutzhandlungen wie komplette Sprechvermeidung oder der Rückzug in soziale Isolation. Weiterführende Informationen finden sich hier.

Eine der rund 800.000 Betroffenen ist Ronja Zimm, 29 Jahre alt.

Susannah Winter: Besteht das Stottern bei dir von Kindheit an? Erinnerst du dich daran, wann die ersten Symptome auftraten und wie diese aussahen?

Ronja Zimm: Ich selbst kann mich nicht daran erinnern, mit dem Sprechen und Stottern angefangen zu haben. Aus Erzählungen weiß ich nur, dass ich in den ersten Monaten wohl noch fließend gesprochen haben soll und das Stottern erst im Kindegartenalter begonnen hat. Aus dieser Zeit sind auch meine ersten bewussten Erinnerungen: Eine Mischung aus Frustration darüber, dass ich durch die Krämpfe nicht mitteilen konnte was ich wollte und Unverständnis darüber, warum ausgerechnet ich so „anders“ war. Das hat die Kindergartenzeit zu einer tränenreichen gemacht.

Susannah Winter: Es gibt viele Theorien zur Entstehung und Ursache von Stottern. Um einige zu nennen: Psychodynamische Theorien, genetische Theorien, neuropsychologische Theorien, Breakdown-Theorien und Lerntheorien. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Betroffene, die sich intensiv mit sich und ihrer Erkrankung auseinandergesetzt haben, oft viel besser Ursachen einschätzen können. Wie ist das in deinem Fall? Hast du jemals eine klare Diagnose erhalten und hast du für dich eine Erklärung?

Ronja Zimm: Eine ganz klare Diagnose gab es nie. Nur die genetische Theorie stand nie zur Diskussion, da ich ja anfangs stotterfrei gesprochen habe. Meine ehemaligen Logopäden gehen von einer Traumatisierung aus, die eine permanente Angst vorm Sprechen und „gehört werden“ ausgelöst hat. Das war und ist auch für mich am Plausibelsten. Ich glaube auch, dass es selten eine alleinstehende Ursache für Stottern an sich gibt. Öfter trifft wahrscheinlich zu, dass es das Symptom einer anderen Erkrankung ist oder sich Mischformen bilden. Die Lerntheorie greift sicherlich bei vielen stotternden Kindern und trägt zur Erhärtung des Krankheitsbildes bei; ursächlich ist diese Konditionierung aber wahrscheinlich höchst selten.

Susannah Winter: Kannst du dein spezielles Sprachbild so genau wie möglich beschreiben? Welche physischen/psychischen Auswirkungen hatte das Stottern noch auf dich?

Ronja Zimm: Mein Stottern wandelt sich ständig. Zum Beispiel in Hinsicht darauf, bei welchen Buchstaben ich die meisten Probleme habe. Der gemeinsame Nenner bleibt aber, dass ich nicht „klassisch stottere“ (also an Buchstaben hängenbleibe und sie oft wiederhole, z.B. Bu-bu-buchstabe), sondern „stocke“. Bei dem auslösenden Buchstaben oder Wort endet alles. Keine Wiederholungen, sondern ein Krampfen setzt ein. Manchmal betrifft der sichtbare Krampf nur das Gesicht, manchmal krampft beinahe mein ganzer Körper ob der Anstrengung, dieses Wort über meine Stimmbänder nach draußen zu bringen, es aber partout nicht zu schaffen.

Es kommt auch heute noch ab und an vor, dass das Stottern an manchen Tagen körperlich so anstrengend ist, dass ich selbst keine Lust mehr habe. Wenn man z.B. eine halbe Stunde lang bei jedem dritten Wort krampft, braucht man danach einfach mindestens genauso viel Zeit der Ruhe, damit einem nicht der gesamte Oberkörper wehtut.

Das frustriert mich oft dermaßen, dass es mich zum Weinen bringen kann. Mir ist zudem wichtig zu sagen, dass Stotterer oft mit sich selbst kämpfen, auf sich, aber auch auf all die Umstände, die zum Stottern führten, sauer sind. Auch ich habe manchmal noch eine rasende Wut in mir: Warum werde ich niemals wissen, wie es sich anfühlt, einfach ohne nachzudenken und ohne körperliche Anstrengung sprechen zu können? Manchmal wirke ich auf andere zynisch, weil mein Neid auf diese Selbstverständlichkeit der anderen mich wütend macht. Wenn Stotterer also gelegentlich überheblich wirken, dann als Resultat unserer Wut und unseres Neids im Moment. Nicht weil wir Menschen die einfach „besser sprechen“ können tatsächlich verachten.

Susannah Winter: Beinahe alle Erkrankungen und Behinderungen, seien sie nun physischer oder psychischer Natur, kennen meist eine Reihe von Folge- oder Begleiterkrankungen. Bei Stotterern oft Vermeidungs- und Fluchtverhalten im sprachlichen Bereich bis hin zu völliger Isolation und Abschottung. Wie ist das bei dir?

Ronja Zimm: Vermeidungsstrategien kenne ich natürlich. Ich habe es fast perfektioniert, blitzschnell Synonyme zu finden.

Ein Beispiel: Als Kind hatte ich besonders bei Vokalen Probleme. Wenn ich einen Satz mit „Oma“ sagen wollte, habe ich oft schon vor dem Wort gemerkt, dass mein Körper dort krampfen würde. Also sagte ich stattdessen „Großmutter“. Deshalb vermeide ich es auch nach wie vor, Texte vorzulesen. Dabei habe ich diesen Spielraum nicht. Kommunikation an sich habe ich aber selten in meinem Leben vermieden. Nur dort, wo ich ziemlich sicher mit einer negativen Reaktion gerechnet habe.

Eine weitere Strategie ist, dass ich Menschen, die mich noch nicht kennen, gleich zu Anfang sage: „Übrigens, ich stottere, also wundere dich nicht, wenn ich krampfe. Das ist nicht schlimm.“ Viele Menschen, gerade die, die mich noch nie an schlimmen Tagen gehört oder gesehen haben, halten das für unnötig. Jedoch hatte ich, bevor ich mit diesem „Vorwort zur Kommunikation“ angefangen habe auch schon das Feedback, dass sich manche fremden Menschen nicht sicher waren, was das für ein Krampf ist und ob ich nicht Hilfe bräuchte.

Auch wenn es also manchmal nervt (auch mich selbst) oder unnötig erscheint: Mit dieser „Strategie“ fühle ich mich einfach auf der sichereren Seite.

Susannah Winter: Wie verlief deine Kindheit und Jugend mit der Sprachbarriere? Wie gestaltete sich die Schulzeit?

Ronja Zimm: Im Kindergarten und in der Grundschule hatte ich mit Gleichaltrigen so gut wie nie Probleme. Da war ich selbst mein allergrößter Feind. Probleme gab es vorrangig mit Erwachsenen! Einerseits meinem Vater, der der Meinung war, ich sei nur „zu blöd“, um richtig zu sprechen oder würde mich nicht genug anstrengen. Und Grundschullehrer, die meinten, ich könnte nicht auf eine Regelschule gehen. Das hat mich manchmal traurig, manchmal auch trotzig gemacht. Ganz am Anfang der Grundschulzeit haben mich die Lehrer wirklich nur nach dem Stottern beurteilt. Das verflog dann aber nach den ersten schriftlichen Noten und mit andauernder Schulzeit.

Umso wichtiger waren die anderen Kinder für mich. Sie haben heute wahrscheinlich keine Ahnung davon, aber dass sie mich vorurteilsfrei angenommen haben, hat vermutlich den Grundstein dafür gelegt, dass ich mich überhaupt je selbst annehmen konnte.

Also: Danke an Euch!

Mit dem Wechsel zum Gymnasium kam dann aber Mobbing. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden! Ich ging ja davon aus, dass gerade die sogenannten klugen Kinder tolerant sein müssten. Fehlanzeige!

Traurig war, dass die Lehrer dort auch wieder kein Verständnis zeigten. Sie meinten, ich müsste das aushalten und mich durchsetzen lernen, anstatt die Klasse oder Schule zu wechseln. Schlussendlich habe ich aber beides getan; erst die Klasse und dann die Schule gewechselt. Auf der Gesamtschule wurde ich wieder ohne blöde Sprüche akzeptiert.

Susannah Winter: Begegnen dir heute noch Vorurteile?

Ronja Zimm: Es gab da mal einen Partner, der mir eine erneute logopädische Therapie mit den Worten: „Wenn du krampfst, denken vielleicht manche Leute, dass du geistig behindert bist.“ nahe legen wollte. Mein Vater nannte mich „total verblödet“, eine Grundschullehrerin dachte, ich sollte lieber auf eine Sonderschule gehen. Neben solchen, sehr persönlichen, Erfahrungen gab und gibt es auch mit Fremden manchmal unangenehme Momente. Es passiert immer mal wieder, dass Menschen erst mal lachen wenn ich krampfe. Wenn ich dann aber sage „Ich habe einen Sprachfehler“, folgt in der Regel eine Entschuldigung. Ich nehme es Fremden auch nicht grundsätzlich übel. Ich weiß, dass es manchmal komisch aussieht und es nicht jeder sofort einordnen kann. Wenn sie mich dann, nachdem ich die Ursache benannt habe, normal behandeln, fühle ich mich davon nicht diskriminiert oder weniger ernst genommen.

Susannah Winter: Du hast ja schon angedeutet, dass Kindheitstraumata, aber auch der spätere Umgang deiner Eltern mit dem Stottern an sich einerseits auslösend, andererseits auch krankheitsbestärkend wirkten. Magst du dazu noch etwas erzählen?

Ronja Zimm: Mein Stottern ist ja höchstwahrscheinlich ein Teil meiner Traumafolgestörung. Meine Eltern waren beide Trinker. Mein Trauma basiert auf wiederholter Todesangst als Kind. Mit fünf Jahren etwa habe ich das erste Mal bewusst gedacht: „Oh Gott, ich will nicht sterben!“, zumindest ist das das erste Mal, an das ich mich erinnern kann. Es gab keine Grenzen, keine Sicherheiten. Mein Vater hat noch dazu oft mit Suizid oder Mord an uns allem gedroht. Auch hat er mich ob des Stotterns permanent herabgewürdigt, was sicherlich zur Festigung des Problems beigetragen hat.

Susannah Winter: Bist du via Internet oder sogar persönlich mit anderen Betroffenen vernetzt und hilft dir dieser Austausch, nimmt er eine besondere Stellung in deinem Leben ein?

Ronja Zimm: Eher weniger. Als Kind und Jugendliche habe ich natürlich Kontakt zu anderen von den Sprachheilkuren, auf die ich fuhr, gehalten. Aber damals habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass uns entweder „nur“ das Stottern verband oder die Menschen sich selbst nur durch das Stottern und die negativen Erfahrungen damit definiert haben. Das bot (für mich) keine Basis für einen langanhaltenden Austausch.

Heute komme ich in der Regel nur zufällig mit anderen Stotterern ins Gespräch, denn ich suche den Austausch nicht gezielt. Ich nehme an, dass ein häufiger Austausch hilfreich für manche Betroffene sein kann, aber da ich meinem Stottern keinen großen Raum bzw. keine große Bedeutung für mein Leben zusprechen will, suche ich gar nicht erst danach.

Susannah Winter: Bist du derzeit noch in regelmäßiger Behandlung? Gerade im Bereich des Stotterns gibt es viele Therapien, die mit großen Heilsversprechen hausieren gehen. Die ganze Palette von Hypnose bis hin zu Atemtherapien, bei der das Zwerchfell besser kontrolliert werden soll. Was hast du alles ausprobiert und was hat geholfen?

Ronja Zimm: Derzeit mache ich eine Traumatherapie. Das Stottern ist natürlich auch ein Gegenstand der Therapie, aber nicht hauptsächlich. Eine rein logopädische Therapie möchte ich nicht mehr machen. Ich weiß, dass es Strategien gibt, mit denen ich auch in meinem Alter noch lernen kann, fließend zu sprechen. Das sind wohl diese „Wunder-Therapien“, die Du ansprichst. Aber die funktionieren nur, wenn man sich an eine strikte Melodik beim Sprechen hält. Das will ich nicht, weil ich meine Emotionalität beim Reden nicht verlieren will.

Als Kind fuhr ich zwei Mal zu der gleichen dreimonatigen Sprachheilkur, bei der wir das Sprechen „neu gelernt haben“. Das lief mit einem Acht-Punkte-Plan, von gar nicht sprechen über nachsprechen, vorlesen usw. bis zu Punkt Acht: frei sprechen. Auch wenn ich mein Stottern dort nicht losgeworden bin, bin ich dieser Kureinrichtung sehr dankbar, denn mein Stottern wurde schwächer und ich habe Strategien gelernt (z.B. autogenes Training), die ich heute noch anwende.

Für interessierte Eltern: http://www.eubios.de/reha-fachklinik.php (Da die Klinik aber von einem neuen Träger übernommen wurde, weiß ich nicht, ob die Kuren noch so ablaufen wie in meiner Kindheit).

Eine ambulante Logopädin hat mir auch einmal krampflösende Medikamente verschrieben. Leider hat das gar nichts gebracht und aufgrund der negativen Nutzen-Nebenwirkungen-Bilanz wurde dieses Medikament dann wieder abgesetzt.

Momentan setze ich also darauf, dass es vielleicht ein „positiver Nebeneffekt“ meiner Traumatherapie ist, dass das Stottern noch weiter zurückgeht. Wenn nicht, kann ich damit auch leben. Ich sehe für das Symptom allein (in Kombination mit meinem Alter) keinen Therapiebedarf oder -Nutzen mehr.

Susannah Winter: Zum politischen Aspekt: Welche Auswirkungen hat/hatte die Erkrankung auf deine Arbeitsfähigkeit, auf Arbeitschancen? Welche Erfahrungen hast du mit Behörden und Ämtern gemacht?

Ronja Zimm: Von Arbeitgeberseite aus habe ich noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Selbst Jobs oder Ausbildungsplätze die viel sprachliche Kommunikation verlangten wurden mir angeboten. So weit ist die Gesellschaft also zum Glück schon! Zumindest in Berlin. Ob es in kleineren oder konservativeren Städten auch so gelaufen wäre, zweifle ich ein wenig an.

Aber das Jobcenter war oft der große Blockierer! Kurzzeitig war ich wegen anderer Symptome arbeitsunfähig. Frustrierend war, dass meine Ärzte, Therapeuten und ich mich dann in der Lage sahen, arbeiten zu gehen. Mein damaliger Psychiater schrieb das auch ans Jobcenter und trotzdem wurde ich immer wieder für weitere sechs Monate „auf Eis gelegt“ – ohne dass mich je ein Amtsarzt gesehen hat! Für ein paar Jahre hat das Zweifel in mir genährt und ich habe Pläne verworfen, weil ich langsam selbst zu denken begann: „Das kann ich ja gar nicht!“. Zum Glück hat das auch Trotz ausgelöst, der mich dann in Eigeninitiative eine (sprechlastige) Ausbildung finden ließ. Vorher gab es noch ein Praktikum im kaufmännischen Bereich, das Gastronomie und Künstlerbetreuung umfasste. Während dieses Praktikums habe ich überall gearbeitet, wo ich während einer möglichen Ausbildung auch eingesetzt worden wäre. Trotz Bescheinigungen darüber wurde die Ausbildungsförderung verweigert. Der Jobcenter-Mitarbeiter meinte es besser zu wissen, als der Chef des Unternehmens. Es hieß, ich sei mit meiner Sprechbarriere nicht in der Lage, diesen Job auszuüben.  Nicht zuletzt deshalb verurteile ich das Jobcenter scharf. Dafür, dass sie mir Chancen und Jahre genommen haben, ohne mir je eine wirkliche Möglichkeit zur „Integration auf dem Arbeitsmarkt“ anzubieten. Was ich geschafft habe ist Resultat aus Eigeninitiative und der Unterstützung und dem Glauben von Freunden, Arbeitgebern und Ärzten. Das Jobcenter hingegen hat mich mehrmals an den Punkt gebracht zu glauben: „Ich kann und ich will nicht mehr, ich gebe hier auf.“ Nach abgeschlossener Ausbildung gehe ich heute nochmal den Weg zum Abitur.

Susannah Winter: Was würdest du dir von Politik und Gesellschaft wünschen? Was hätte dein Leben vereinfacht?

Ronja Zimm: Mehr Inklusion! Ob in der Schule oder auf dem Arbeitsmarkt: Es bringt nichts, Stotterer oder Menschen mit anderen Erkrankungen unter dem Vorwand der angeblich nötigen, besonderen Förderung abzuschotten. Dass es in meinem Fall überhaupt je zur Diskussion stand, ob ich auf Regelschulen oder eine Sonderschule gehen soll, illustriert diesen Wahnsinn gut. Mit Ausschluss ist weder den Betroffenen, noch den anderen Kindern geholfen.

Abgesehen von einer Grundschullehrerin und der Klasse am Gymnasium, war Schule für mich immer der Ort der Anerkennung und Lehrer nahmen für mich etwa ab der dritten Klasse die Rolle der Erwachsenen / Autoritätspersonen ein, die mich lobten und mir Werte vermittelten – die Dinge, die mir meine Eltern nicht geboten haben. Auch wenn (gerade Berliner) Schulen oftmals in der Kritik stehen: Für mich waren sie immer der Ort, an dem die negativen Einflüsse in meinem Leben aufgefangen und umgekehrt wurden. Und je sozial gemischter die Schule war, desto mehr traf das zu.

Deshalb finde ich die Debatten um eine stärkere Differenzierung des Schulwesens (mehr Gymnasien auf der einen Seite, Gesamtschulen abschaffen auf der anderen) traurig. Wir brauchen keine stärkere „Elitenförderung“ – Kinder und junge Erwachsene mit entsprechendem Potenzial werden es auch so entfalten – sondern „zwischenmenschliche Bildung“, die „gemischte“ Schulen mit engagierten und gut ausgebildeten Pädagogen und Sozialarbeitern bieten. Leider bewegt sich unsere Schulpolitik von meinem Ideal weg.

Und dass Eltern ein stotterndes Kind lieber für einen selbstbewussten Umgang mit der Sprechstörung loben sollten anstatt es „komplett verblödet“ zu nennen, versteht sich eigentlich von selbst.

Susannah Winter: Niemand kennt dich besser als du selbst. Was tust du für dich, um dich besser zu fühlen? Was hilft? Was schadet?

Ronja Zimm: Stress schadet, lässt sich aber nicht immer vermeiden. Um mit ihm wenigstens besser umzugehen, greife ich heute noch manchmal auf autogenes Training zurück. Und auf lange Spaziergänge. Das sind meine beiden Methoden, um runter und wieder mehr zu mir selbst zu kommen.

Susannah Winter: Was wird in Artikeln über Stottern normalerweise außen vor gelassen oder findet keine Erwähnung, was du unbedingt würdest lesen wollen und bisher vermisst hast oder was andere unbedingt lesen sollten?

Ronja Zimm: Stottern wird leider oft unter Ausschluss der Ursachen und als „Makel“ des Betroffenen behandelt. Dass ein stotterndes Kind zumeist etwas Einschneidendes, Traumatisierendes erlebt hat fehlt mir zu oft in theoretischen Diskussionen über Stottern.

Außerdem werden alle Sprach- und Sprechstörungen gern über einen Kamm geschoren. Dass es ganz unterschiedliche Erscheinungsformen, Ausprägungen und nicht zuletzt auch Ursachen gibt, wird kaum kommuniziert.

Zuletzt seien nochmal die „Wunder-Therapien“ erwähnt: Vor ein paar Jahren hat mich die Medienpräsenz der „Del Ferro-Methode“ zum Beispiel sehr wütend gemacht. Sie hat bestimmt einigen (sehr schweren) Stotterern geholfen, aber ich lehne Methoden wie diese ab. Einerseits, weil sie eben auf strenger Melodik basieren und andererseits, weil ich kein Angebot ernst nehmen kann, dass „begehrte 5-Tage Intensivkurse“ anbietet, um so ein komplexes Krankheitsbild zu behandeln. Als diese Methode in den Medien diskutiert wurde, sah ich mich ständig in der Defensive, da ich mich vor vielen Menschen in meinem Umfeld rechtfertigen musste, warum ich das denn nicht „auch mal probiere“.

Die Medien sollten also nicht transportieren: „Hey, wer stottert kann auf jeden Fall was dagegen machen. Del Ferro hilft ja immer und jedem.“, denn das ist falsch und macht Betroffene wie mich wütend.

Susannah Winter: Zuletzt: Welche Tipps würdest du Menschen geben, die mit derselben Erkrankung zu kämpfen haben? Vielleicht auch Tipps für Eltern, die gerade erfahren haben, dass ihr Kind betroffen ist?

Ronja Zimm: Nie das Sprechen vermeiden! Das ist manchmal ein echter Kampf, es frustriert, es lässt dich heulen. Aber: Nur durch ständiges Sprechen, auch an schlechten Tagen, kann man verhindern, dass die Angst vorm Sprechen so anwachsen kann, dass sie überhandnimmt. Und Menschen, die mit Stotterern zu tun haben rate ich: Bestärkt den Stotterer, seid geduldig, auch wenn das manchmal schwer ist, und respektiert die Wünsche des Betroffenen! Ich mag es zum Beispiel gar nicht, wenn andere Leute meine Worte / Sätze beenden. Sie glauben, mir damit einen Gefallen zu tun, aber tatsächlich setzt mich das unter größeren Druck. Ich bin jedem in meinem Umfeld sehr dankbar dafür, geduldig zu sein und abzuwarten was ich sagen will, anstatt selbst schnell das Wort zu beenden, bei dem ich krampfe. Wenn Nicht-Betroffene dazu beitragen, dass sich Stotterer in so einem Umfeld bewegen können, ist schon viel geschafft!

Susannah Winter: Ich bedanke mich für deine Offenheit und wünsche dir von ganzem Herzen viel Erfolg für das Abitur und deinen weiteren Werdegang.

 

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(Foto: Laura Ludwig)

 

Nachwort: Ronja Zimm, die selber schreibt, hat vor kurzer Zeit im Rahmen eines Kurses „kreatives Schreiben“ einen Text verfasst, der u.a. auch ihr Erlebtes zum Thema hat.

(Für die  Blog-Reihe „Reden wir über…“ sucht die Autorin auch in Zukunft Menschen, die über ihre physische/psychische Erkrankung im Kontext Gesellschaft/Politik/Inklusion aber auch allgemein über ihr individuelles Erleben berichten wollen. Kontaktdaten und nähere Informationen finden sich hier.)

Legalize it!

Volker Beck, Abgeordneter der Grünen, ist mit Drogen erwischt worden. Crystal Meth soll es gewesen sein. Um genau zu sein, so genau, wie es eben nur spekulative Berichte schaffen: 0,6g des synthetisch hergestellten Methamphetamins, das aufputschend wirkt und den meisten eher von furchteinflößenden Vorher-Nachher-Bildern geläufig sein dürfte. Eine Droge, die vornehmlich mit weißem Prekariat assoziiert wird. Ein Großteil der Reaktionen ist schlicht erbärmlich. Die Bigotterie, die der Empörung innewohnt, vor allem bei denen, die sich ganz besonders hämisch freuen, weil es einen Politiker des ungeliebten Spektrums getroffen hat (und nein, ich bin alles, nur kein Grünen-Wähler), hat ein Ausmaß angenommen, das übelerregender kaum sein könnte. Es ist eine Sache, einen Menschen auf Basis von Inhalten zu kritisieren. Möglichst sachlich und fundiert. Nur geht es hier nicht um Inhalte. Schon gar nicht denen, die am Morgen ihren Kaffee trinken, mittags Energydrinks und Wachmacher schlucken, nach Feierabend ein Bier kippen, sich die nächste Zigarette anzünden und nun angewidert auf den gefallenen Beck zeigen und „Hab‘ ich doch gleich gewusst, dass der nichts taugt“ brüllen. Es sind dieselben Menschen, die sich am Stammtisch tags drauf, bei Wodka und Korn, darüber beschweren, dass die Politik ständig in ihr Privatleben eingreift und ihnen Freiheiten nimmt. Wollten wir eine inhaltliche Debatte führen, wir müssten fragen, warum bestimmte Substanzen zur „Droge“ erklärt und Konsumenten kriminalisiert werden. Wir müssten uns fragen, wer dies bestimmt und warum. Man dürfte auch mal die Frage in den Raum stellen, warum selbstschädigendes Verhalten überhaupt durch den Staat zu ahnden ist. Frau Merkel antwortete auf die Frage, warum Bier in Deutschland legal sei, Cannabis hingegen nicht lapidar, Bier sei nun einmal Teil deutscher Kultur. Man möge sich in Erinnerung rufen, dass allein in Deutschland geschätzt 15.000 Menschen im Jahr an Alkoholkonsum versterben. Die Dunkelziffer ist höher. An Cannabis ist noch niemand verstorben. Dies gilt in ähnlichem Maße für diverse andere Substanzen, von denen viele natürlicher Art sind (Pilze, Kräuter, Pflanzen). Mit welcher Berechtigung, so sollte man weiter fragen, darf irgendjemand einem erwachsenen Menschen Vorschriften über eigene Lebensentscheidungen machen, so diese eben nicht fremdschädigend sind? Noch dazu so offensichtlich auf Basis von Willkür und fragwürdigen „Traditionen“ von denen die hartnäckigste, zumindest hierzulande, sicherlich die Bevormundungsmentalität ist. Erinnern wir uns: Koks und Barbiturate galten einst als „Medikamente“.

Es gäbe für einen besseren rechtlichen Umgang mit Drogen einige Ansätze, die für alle Beteiligten weit vertretbarer wären. Kontrollierter Verkauf und Abgabe über Apotheken und geprüfte Händler und damit nur die Kriminalisierung des  „Straßenverkaufs“, um Kinder abzusichern. Nur Dosen, die für den Eigengebrauch geeignet sind, unter Vorlage des Personalausweises. Und ja: Dies sollte meines Erachtens nach für Drogen aller Art gelten. Wer sich jemals mit Heroinkonsum und -Konsumenten auseinandergesetzt hat, der hat begriffen, welche Gefahr vor allem von mehrfach gebrauchten Nadeln und Beschaffungskriminalität und –Prostitution für die Süchtigen ausgeht. Der dürfte auch begreifen, dass Kriminalisierung immer nur die stärkt und gestärkt hat, die Substanzen schmuggeln (oder lieber schmuggeln lassen) und verkaufen, während sie zeitgleich Konsumenten und Süchtigen den Weg zu Hilfe und gesellschaftlicher Akzeptanz erschwert.

Das Recht des Individuums auf Entscheidungs- und Handlungsfreiheit gehörte eigentlich nur da unterbunden, wo eine Fremdschädigung stattfindet. Drogen am Steuer, Verkauf an Kinder, Schädigung der eigenen Kinder oder anderer Menschen unter Einfluss von Substanzen. All dies ist zu Recht strafbar. Was ein Mensch jedoch mit seinem eigenen Körper, seinem Leben anfängt, sollte allein seine Sache sein.

Zurück zum Drogenfund bei Beck, der umgehend alle Ämter niederlegte: Schaut man in die Politikgeschichte möge man sich an dieser Stelle an Otto Wiesheu erinnern, seines Zeichens CSU-Politiker. Der fuhr unter Alkoholeinfluss einen Menschen zu Tode, um dann bayerischer Verkehrsminister zu werden. Ein Hohn, der von weit weniger empörtem Geschrei begleitet wurde. Aber es handelte sich hier auch „lediglich“ um Alkohol, nicht um die „bösen Drogen“. Pfui Teufel, Herr Beck. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Ihrem Kollegen.

Die Bigotterie äußert sich aber nicht nur im Umgang mit Drogen und Drogenkonsumenten, sondern auch an den sonstigen Inhalten, die das Gros der Menschen so furchtbar „empören“.

Zusammengefasst kann man dazu nämlich schreiben:

Liefere Waffen in die Welt, ruiniere Existenzen, postuliere Menschenverachtung und du bist ein Demokrat. Aber wehe, man erwischt dich mit Drogen oder beim Sex.

Und wehe gar dem, der sich mit Prostituierten abgibt. DAS geht dem Scheinheiligen von nebenan nun wirklich zu weit. So etwas tut ein anständiger Mensch nicht.

Der Wert, der hier Sex und Drogen zuteilwird, verglichen mit dem Umgang mit Korruption, plötzlichen Gedächtnisausfällen vor Untersuchungsausschüssen und Ähnlichem lässt vermuten, dass sich hier weit mehr Menschen eher persönlich ertappt fühlen. Oder es handelt sich lediglich um die klammheimliche Freude, jemanden fallen zu sehen, der sowieso schon die Verachtung derer genoss, die sich nun die Hände reiben.

Auf die Spitze trieb diese Heuchelei, die vom Niveau her etwa die Höhe einer Teppichkante erreichte, die BILD. Wer auch sonst. „Grüner mit Hitler-Droge erwischt“ titelte das Blatt, das sich für wenig zu schade ist. Da wünscht man gewissen Kolumnisten ein wenig Hanf zur Entspannung.

Mit Vernunft und inhaltlicher Auseinandersetzung auf der einen Seite oder tatsächlicher politischer Fehlleistung auf der anderen hat dies alles jedenfalls herzlich wenig zu tun.

Selbst im Tierreich ist der Rausch üblich. Und auch meine Katzen lieben ihre Dosis Catnip zur Entspannung. Das Bedürfnis danach, einfach mal „abzuschalten“ ist nur allzu weltlich und an sich noch nicht zu verdammen.

Wie so oft in der Politik hielt es keiner der Parteikollegen für nötig, sich zu solidarisieren. Im Gegenteil: Da  Landtagswahlen ins Haus stehen, waren Kretschmann und Özdemir einige der Ersten, die Beck, bei noch ungeklärter Sachlage, „schweres Fehlverhalten attestierten“. Man erinnere sich: Özdemir war der freundliche Grüne mit einem Hang zu Hanfpflanzen auf der Dachterrasse. Foto inklusive. Wer solche „Freunde“ hat, braucht keine Feinde mehr.

Abschließend noch der Hinweis: Ich komme selber aus einem Drogenhaushalt und mir ist bewusst, was harte Drogen anrichten können. Ich selber lebe drogenfrei (abgesehen von gelegentlichem Alkoholkonsum). Ich kenne daher beide Seiten sehr gut. Dennoch wiegt Freiheit mehr als Angst und Bedenken. Und unserem rechtsstaatlichen Grundprinzip nach gilt jeder als unschuldig, bis seine Schuld bewiesen ist. Dies sollte insbesondere auch für Privatangelegenheiten wie Sexualität, mit der niemandem geschadet wird, wie auch für Drogenkonsum ohne Fremdschädigung gelten.

Es ist höchste Zeit für eine liberalere Drogenpolitik.

Legalize it!

 

Lagerhaus für menschliche Seelen

(Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch.com)

Wie ein Lauffeuer muss es sich unter den Wartenden verbreitet haben: Das Gerücht, die Grenze zu Mazedonien sei offen und damit eine Weiterreise ins Innere Europas wieder möglich. Am Grenzübergang zu Mazedonien, dem Grenzposten Idomeni, warten dieser Tage etwa 7000 Flüchtlinge auf ihre Weiterreise. Das Auffanglager dort bietet lediglich Platz für 1500 Menschen, die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser wie auch medizinische Versorgung sind längst nicht mehr sichergestellt. Nach anfänglichem Jubel über die mögliche Weiterreise fand die anstürmende Menge lediglich noch immer geschlossene Grenzzäune vor. Das griechische Fernsehen zeigte Bilder, in denen man beobachten konnte wie es einigen Flüchtlingen gelang, einen Teil der mazedonischen Grenze niederzureißen, bevor die Polizei mit Tränengas gegen sie vorging.

Die Lage in Griechenland verschärft sich zusehends. Spätestens seit Österreich, Slowenien, Kroatien und Serbien auf der Westbalkankonferenz, unter Ausschluss von Deutschland und Griechenland beschlossen haben, nur noch ein bestimmtes Kontingent an Flüchtlingen durchreisen zu lassen, im Falle Österreichs eine Obergrenze von 80 Asylbewerbern pro Tag und eine Durchreiseerlaubnis nach Deutschland von 3200 Flüchtlingen pro Tag,  entsteht in Griechenland ein Rückstau.  Geschätzt 22.000 Flüchtlinge sitzen derzeit dort fest, bis im März geht man von zu erwartenden 70.000 Menschen aus.

Die Abschottungspolitik droht, aus Griechenland ein großes Internierungslager zu machen. Das Land, durch Misswirtschaft und anschließende Austeritätspolitik schon mit der Versorgung der eigenen Bürger überfordert, steht vor einer drohenden humanitären Katastrophe. Die Lage vor Ort wird von allen Seiten als desolat beschrieben. Laut „Zeit“ hält Piräus der Anzahl der Ankommenden kaum stand und auch im Zentrum Athens, am Viktoria-Platz sollen hunderte Flüchtlinge, darunter auch Familien mit Kleinkindern, im Freien die Nacht verbracht haben. (Fotos u.a. dazu hier)  Die Auffanglager und Wartehallen sind überfüllt. Laut „Welt“ bereitet  „die EU-Kommission indes umfangreiche Nothilfe für in Griechenland festsitzende Flüchtlinge vor.  Brüssel sei bereit, „alle verfügbaren Instrumente“ zu nutzen, um eine humanitäre Krise zu verhindern…Demnach geht es etwa um Unterstützung beim Grenzschutz sowie um die Bereitstellung von Unterkünften, Sachleistungen und finanzielle Hilfe“.

Ein Hohn angesichts der Tatsache, dass die massenhafte Ankunft von Flüchtlingen in den Anrainerstaaten, damit auch Griechenland, nicht neu ist. Um es nochmal in Erinnerung zu rufen:

  • Bereits im März 2011 warnte ausgerechnet Orbán schon vor einer drohenden Massenflucht aus den Nordafrikanischen Ländern und ermahnt Europa zu einer gemeinsamen Politik:„Neben der Bekräftigung der Vorbehalte seiner Regierung betonte er aber auch, dass die Europäische Union Lösungen hinsichtlich einer eventuellen Massenflucht und der sich abzeichnenden humanitären Katastrophe finden müsse.
  • Der Krieg in Syrien dauert nun vier Jahre und auch hier zeichnete sich rechtzeitig ab, in welchem Ausmaß die Flüchtlinge das Land verließen: „Der Krieg des syrischen Regimes gegen die eigene Bevölkerung hat die weltweit größte Flüchtlingsbewegung seit den Massakern von Ruanda vor 20 Jahren ausgelöst. Es gibt 21 Millionen Syrer. Neun Millionen von ihnen sind auf der Flucht, die meisten im Innern des Landes. In die Nachbarländer Libanon, Türkei, Irak und Jordanien flohen bis Mitte April etwa 3 Millionen Menschen“(Quelle)
  • „Durch die Beibehaltung des Dublin-Verfahrens und seine Erweiterung auf alle Personen, die um internationalen Schutz nachsuchen, wird faktisch den südlichen EU-Staaten (insbesondere Malta, Italien, Spanien und Griechenland, siehe auch Einwanderung über das Mittelmeer in die EU) sowie Ungarn (siehe auch Balkan-Route) eine größere Verpflichtung bezüglich der Registrierung und Erstaufnahme auferlegt als nördlicheren Ländern. Die Einführung eines Solidaritätsmechanismus lehnte Deutschland 2013 noch ab.“ (Quelle)

Die Problematik besteht seit Jahren und doch muss die Situation erst eskalieren, um der EU-Kommission Absichtserklärungen abzuringen. Und wie schnell und konkret dieses Hilfsversprechen jetzt umgesetzt wird, steht in den Sternen.

Im reichen Deutschland nicht neu (73 Fälle von Anschlägen auf Flüchtlingsheime allein im Januar 2016), kam es am Wochenende zum ersten Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Griechenland. Das Land, das trotz seiner eigenen desolaten Lage (45 Prozent der Rentner haben Nettobezüge, die unter der offiziell ermittelten Armutsgrenze von 665 Euro im Monat liegen, Arbeitslosenquote bei gut 25,6 Prozent. Arbeitslosengeld 360 Euro für einen Ledigen oder bis zu 576 Euro für eine sechsköpfige Familie, in Griechenland maximal zwölf Monate gezahlt. Sozialhilfe oder Grundsicherung gibt es nicht. Neun von zehn Arbeitslosen erhalten keinerlei staatliche Unterstützung, Kindersterblichkeit zwischen 2008 und 2010 um 43 Prozent gestiegen, die Zahl der Suizide in Griechenland hat sich mehr als verdoppelt) bisher Unglaubliches geleistet hat bei der Erstversorgung von Flüchtlingen, kommt an seine Grenzen. Zahllose freiwillige Helfer fischen vor Lesbos, wo noch immer täglich Hunderte ankommen, die die Überfahrt über die Ägäis wagen, Menschen in Seenot aus eisigem Wasser, manchmal gar nur noch Tote, helfen auf dem Festland bei der Versorgung und Unterbringung.

 Schneller zur Hand als humanitäre Hilfe und Versprechen, deren Umsetzung auf sich warten lassen, ist offensichtlich militärische Abhilfe. Vor vier Tagen beschlossen die Nato-Verteidigungsminister einen Einsatz in der Ägäis:

„Die Aufgabe der Nato-Mission sei, „den Küstenschutzbehörden Griechenlands und der Türkei und (der EU-Grenzschutzagentur) Frontex ganz schnelle, präzise, klare Hinweise zu geben, wann Schlepperboote von der türkischen Küste aus in See stechen“, sagte von der Leyen am Donnerstag in Berlin. Sie mahnte, derzeit würden Schlepper und Schleuser „Millionen, wenn nicht Milliarden damit verdienen, dass sie die Menschen ausnehmen und auch ihr Leben riskieren, indem sie sie auf hohe See schicken“.

Solange derartige Vorhaben jedoch nicht mit gleichwertiger Ursachenbekämpfung einhergehen ist auch dieses Vorhaben nichts als Abschottung in der Hoffnung, der vormalige Status Quo, in dem Europa international agieren aber nicht international verantwortlich sein konnte, ließe sich mit Abwarten wieder herstellen. Und auch hier ist noch längst nicht abschließend geklärt, ob der Beschluss letztendlich durchgesetzt werden kann:

 „…“Personen, die aus der Türkei kommen, werden in die Türkei zurückgebracht.“ Dabei sei nationales und internationales Recht zu beachten. Die Türkei hatte sich gegen eine weitgehende Aufnahmezusage gesträubt und dürfte in konkreten Fällen auf rechtliche Hindernisse verweisen.“

 Auch bleibt zu erwähnen, dass Frontex nicht umsonst diverse Male in der Kritik stand.

Neben der humanitären Katastrophe und der weiterhin ungeklärten Frage nach dem „Wie?“ wenn es um gemeinsame Lösungsansätze geht entspinnt sich vor unseren Augen auch eine politische Katastrophe. Neben Grenzziehungen im Alleingang innerhalb des Staatenbundes EU und Konferenzen unter Ausschluss aller anderen Beteiligten (Westbalkankonferenz) wurde eine diplomatische Eiszeit zwischen Österreich und Griechenland eingeläutet. Bündnispartner, wohlgemerkt. In Friedenszeiten normalerweise kaum denkbar, zog Griechenland seinen Botschafter aus Österreich ab. Zwar noch unter freundlicher Rhetorik aber doch mit klarer Aussage:

„Kommen die Flüchtlinge nicht mehr weiter, droht ein Rückstau in Griechenland. Athen fürchtet deshalb, dass die EU bereits plant, das Land zu einer Art riesigem Auffanglager zu machen und protestiert energisch. „Griechenland wird es nicht hinnehmen, Europas Libanon zu werden“, sagte der für Migrationsfragen zuständige Vize-Innenminister Ioannis Mouzalas mit Blick auf das Land, das ein Viertel aller ins Ausland geflohenen Syrer beherbergt. Eine große Zahl von EU-Ländern bereite sich darauf vor, „eine humanitäre Krise in Griechenland zu bekämpfen, die sie selbst schaffen wollen“. Mouzalas warnte, auch Athen könne in der Flüchtlingskrise einseitige Maßnahmen ergreifen.

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras hatte nach dem Wiener Treffen der Balkanländer am Mittwochabend mit einer Blockade von EU-Entscheidungen gedroht. Seine Regierung werde „keinem Abkommen mehr zustimmen, wenn die Last und die Verantwortung nicht im richtigen Verhältnis geteilt“ würden, sagte er im Parlament. „Wir werden nicht akzeptieren, dass sich unser Land in ein Lagerhaus für menschliche Seelen verwandelt.“ (Quelle)

Zudem wurde ein Besuch der österreichischen Innenministerin Mikl-Leitner (ÖVP)von öffentlicher Stelle abgelehnt.

Dass die Befürchtungen Athens nicht aus der Luft gegriffen waren, beweist die Zuspitzung der Lage vor Ort.  Wer Griechenland als großes Freiluftlager befürwortet oder Problemlösung in Grenzziehung und Abschottung sieht, hat noch immer nicht verstanden, dass Menschen in wirklicher Not vor Grenzen ebenso wenig Halt machen, wie vor der Aussicht, auf dem Mittelmeer zu ertrinken. Der hat auch nicht begriffen, dass eine Spaltung der EU auch den eigenen Frieden und Wohlstand gefährdet, weit mehr als ein paar Flüchtlinge dies könnten. Die Geschichte des nationalstaatlichen Europas ist nicht umsonst geprägt von Kriegen. Rückkehr zur Nationalstaatlichkeit und damit zu mehr Konkurrenz untereinander macht die einzelnen Staaten erpressbarer,  erhöht den Druck im Wettkampf  um noch niedrigere Löhne, noch niedrigere Steuern, noch massiveren Sozialabbau. Frieden und Wohlstand sind in Zeiten der Globalisierung, in Zeiten international agierender Staaten und international agierenden Kapitals nur in Solidarität zu haben. In gemeinsamen Steuerrichtlinien, gemeinsamen Löhnen, gemeinsamer Sozialpolitik und damit auch gemeinsamer Handlungsfähigkeit. Schwer, dies denjenigen zu vermitteln, die ihr Leben dem Konkurrenzgedanken und dem Sozialneid gewidmet haben.  Der nationale Egoismus, allen voran auch der Deutschlands, hat die eigene Handlungsunfähigkeit befeuert und dabei keinen Einzelstaat handlungsfähiger gemacht. Dieser Erkenntnis bedürfte es, um Europa überhaupt noch als die Zukunftsperspektive wahrzunehmen, die es ist, der Idee Europa eine Chance zu lassen.

Egal, auf welcher Seite der Mauer man lebt, langfristig verlieren beide Seiten ihre Freiheit.

Dankeschön

Mein kleiner Blog „Tonfarbe“ feiert heute sein Einjähriges Bestehen. Genau der richtige Zeitpunkt, um allen Lesern aber auch Mitwirkenden „Danke“ zu sagen. Als ich vor einem Jahr angefangen habe, war ich mir nicht so sicher, ob ich durchhalten würde. Für Menschen mit Depressionen ist Regelmäßigkeit nicht selten ein großes Problem. Tatsächlich darf ich aber heute feststellen, dass ich unruhig werde, wenn ich zwei Wochen lang nichts geschrieben habe und ich Spaß daran finde, während des Schreibens und beim Recherchieren auch immer wieder dazuzulernen. Für die Zukunft geplant ist der Ausbau meiner Serie „Reden wir über…“ (Es schwirren schon an die fünf-sechs Fragebögen durch die Welt und wer noch Interesse hat, möge sich melden) und in Arbeit ist eine Podcast-Alternative für die, die lieber zuhören anstatt sich die Mühe des Lesens zu machen. An dieser Stelle zwei Menschen nochmal ein besonderes Dankeschön: Bernhard Torsch (Du weißt schon, warum) und Veronika Hosiner, die mir den Einstieg in mein Herzensprojekt so leicht gemacht hat. Auch zu Danken gilt es selbstverständlich der Redaktion von „FischundFleisch“ für Zuspruch und Unterstützung sowie ein Forum und Herrn Rainer Thiem und der Seite Peira.org, ein lesenswertes Forum der Piraten, für die ich hin und wieder schreiben darf. Ein paar Zahlen zum Schluss: In dem Jahr gab es 6980 Unique Clicks, 9419 Besucher insgesamt, 79 Kommentare, 102 „Gefällt mir“. Vielen lieben Dank jedem Einzelnen für Motivation und Diskurs, Verbesserungsvorschläge und Lob.

Ich freue mich auf das kommende Jahr.

Die Sache mit der Meinungsfreiheit

Unter dem wunderbaren Beitrag eines lieben Freundes, Bernhard Torsch, verlinkt u.a. auf der Facebookseite der Plattform „FischundFleisch“, zum Vorfall in Clausnitz fanden sich die üblichen Hetzer ein. Das Konzept der Seite ist es, ein Forum für Blogger zu schaffen. Alle Blogger, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung und Meinung. Das Konzept „Meinungsfreiheit“ bis an die Schmerzgrenze (aber eben nur bis dahin) ging eine Weile auf. Nun aber droht die Stimmung zu kippen. Die Radikalen, Hetzer, Verbalakrobaten, übernehmen, zumindest auf der Facebookseite, das Ruder und machen einmal mehr deutlich, wo der Unterschied zwischen „Meinungsfreiheit“ und „Faustrecht“ liegt.

Dort wird es, nachvollziehbar und sehr konkret, seit Monaten radikaler und lauter. Einmal, weil die Auswahl der Titel nicht breit genug gefächert ist und die Dauerberieselung mit Hass Menschen zusammenkommen lässt, die es genießen, mal „so richtig Dampf abzulassen“, andererseits aber auch, weil man es dort, im Gegensatz zu Welt, Zeit, FAZ und Co. es bis heute nicht schafft, wenigstens die schlimmste Hetze und radikale Beleidigungen zu entfernen. 90% der aktuellen Kommentare zeichnen einen klares und deutliches Bild. Der Beitrag unter Bernhards heutigem Beitrag hat das, was sich in den letzten Wochen zugespitzt hat, mehr als deutlich gemacht. Eine Kostprobe gefällig?

Beleidigungen dieser Sorte konnten acht Stunden ungelöscht, unwidersprochen stehenbleiben:

FuF-Beleidigungen

 

Die Autoren dieser Hetze gaben ungewollt dem Artikel des Autors Recht, der deren Abstumpfung beschwor. Im Zweifel waren die Kinder selber schuld. Andere behaupteten lieber, dass Kinder von Muslimen gar nicht unschuldig sein könnten. Schon in dem Alter „Verbrecher und Mörder“. Mindestens:

FuF-Böse-Kinder

 

„Pack“, „Schmarotzer“ und ähnliche Widerwärtigkeiten waren längst nicht alles. Enthauptungen, Stricke und „gottlose Kreaturen“ überall. Ohne Widerspruch. Ohne Eingreifen:

FuFGewaltphantasien

 

Und natürlich auch furchtbar „dezente“ Hinweise auf Rasse, Rassenzugehörigkeit, Volksverräter. Eine „Tradition von etlichen Generationen, die uns nie geschadet hat.“ Alles im legalen Rahmen? Meinungsfreiheit? Wer das für Freiheit hält, der hat bald keine mehr:

FuF-Rasse-und-Volk

 

Und zu guter Letzt wie immer eine Prise Geschichtsrevisionismus. An dieser Stelle gilt mein Kommentar auch Frau Petra M., die im Pöbel (Ja, liebe Hassbürger. Wer Busse belagert, Menschen anschreit, droht und geifert, der hat genau diese Bezeichnung verdient) von Clausnitz die neue „französische Revolution“ verortet sehen will. Sie schafft den eigentlich unmöglichen Gedankenspagat:

„Die französische Revolution von 1789 wird gern als Meilenstein der gesellschaftlichen Entwicklung gefeiert. Obgleich dort Menschen getötet wurden, gilt dieser Gewaltakt als positiv, da er eine Auflehnung gegen eine Obrigkeit gilt, die gegen ihr Volk handelte. Zieht man Parallelen zu heute, müßte man sich doch eigentlich erneut begeistert zeigen. Das ist ein gewagter Gedanke, aber vollkommen abwegig?“

Ja, Frau M., das ist es. Vollkommen. So abwegig, dass Sie Schwierigkeiten haben dürften von da aus wieder an irgendeinen argumentativ validen Punkt zurückzufinden. Weder handelt es sich bei einem Lynchmob auf Unschuldige um „Widerstand gegen die Obrigkeit“ sondern vielmehr um Treten gegen die Schwächeren, noch ist „das Volk“ in Deutschland von heute an dem Punkt, an dem die Franzosen von damals waren. Vielleicht haben Sie sich auch einfach nur in der Zeit vertan. Denn wer, wie Sie, schon mal im Voraus zu kommende, „gerechtfertigte Gewalt“ beschwört, der dürfte sich 1933 viel wohler fühlen.

Und nein, „die Deutschen“ blieben auch nicht im Land:

FuF-Geschichtsrevisionismus

Ich, wie auch einige andere, die diese Plattform zu Beginn sehr zu schätzen wussten, bedauern diesen Mangel an Gleichgewicht in der Meinungsvielfalt sehr. Noch bedauerlicher ist wohl, dass immer noch niemand in der Redaktion bereit ist, Beiträge auf Facebook redaktioneller Überprüfung zu unterziehen.  Für tatsächliche „Meinungsfreiheit“, die eben auch darin besteht, sich sachlich äußern zu dürfen, ohne dafür beschimpft und niedergeschrien zu werden, wäre es jedoch unabdingbar, hier einzugreifen.

Ich lehne das Faustrecht in physischer wie auch verbaler und schriftlicher Form ab.

„Gewalt ist Analphabetentum der Seele“ (Rita Süssmuth)

Reden wir über…

Mukoviszidose

Interview mit Veronika Hosiner, seit der Geburt an Mukoviszidose erkrankt

 
 
Es ist ein seltener, erblich bedingter Gen-Defekt, der etwa 8000 Betroffenen in Deutschland und knapp 1000 Betroffenen  in Österreich das Leben schwer macht.

Mukoviszidose (von Mucus/Schleim und Viscidus/zäh), auch Cystische Fibrose genannt wird, zumindest heutzutage, in den allermeisten Fällen bereits bei Säuglingen festgestellt. Die Untersuchung auf Mukoviszidose gehört in Deutschland allerdings erst seit 2015 zu den regulären Screenings von Neugeborenen, so z.b. auch Schweiß- und Gentest. Der Schweißtest ist bereits seit 1959 ein verlässliches Diagnoseverfahren zur Feststellung dieser Erbkrankheit, da der Schweiß von Erkrankten einen erhöhten Salzgehalt aufweist. Wer mehr über Diagnosekriterien erfahren möchte, wird hier fündig.

Obwohl es typische Krankheitsbilder gibt, ist doch jeder Verlauf der Mukoviszidose individuell. Häufige Symptome betreffen Lunge, obere Atemwege, Verdauungsorgane und Bauchspeicheldrüse. Der Körper produziert in vielen Organen einen zähen Schleim, der von den Organen kaum abgebaut werden kann. Es kommt zu Symptomen wie Asthma, chronischem Husten, Verdauungsbeschwerden, Darmverschlüssen, Infektionen, Leberschäden, starkem Untergewicht und anderen Begleiterkrankungen.

Eine der 9000 Betroffenen ist Veronika Hosiner, gerade 26 Jahre alt. Wer Veronika das erste Mal sieht vermutet nicht, dass sie ihr Leben mit einer Krankheit verbringt, die immer noch häufig tödlich verläuft und mit einer verminderten Lebenserwartung einhergeht. Sie ist eine äußerst hübsche, sehr schlanke, junge, blonde Frau, die sich auf den ersten Blick nicht von ihren Altersgenossinnen unterscheidet.

Susannah Winter:  Wann wurde bei dir Mukoviszidose festgestellt und durch wen?

Veronika Hosiner: Die Diagnose bekamen meine Eltern direkt nach meiner Geburt mittels Schweißtest der damals gemacht wurde, da meine Mutter bei meiner Geburt bereits 41 Jahre alt war.

Susannah Winter: Wie genau zeigt sich die Erkrankung bei dir, was sind die Symptome?

Veronika Hosiner: Ich war schon als Säugling kleiner als andere Kinder, hatte Untergewicht. Meine Eltern mussten sich nächtelang abwechseln, mich zu tragen, weil ich vor Schmerzen geschrien habe. Ich hatte auch immer wieder Darmprobleme. Ich habe eine weitaus höhere Verbrennung als andere. Ich brauche 4000 Kalorien am Tag, also denke ich hauptsächlich über Essen nach.

Susannah Winter: Du hast als Begleiterscheinungen im Vorfeld eine Leberzirrhose und chronische Sinusitis genannt. Sind die beiden Folgeerscheinung der Mukoviszidose? Gibt es noch weitere Nebenerkrankungen?

Veronika Hosiner: Ja, Leberzirrhose kommt nicht nur vom Alkohol, auf den ich auch allergisch reagiere, sondern auch von sehr hohem Medikamentenkonsum, den ich leider habe. Drei verschiedene Antibiotika bei einem Infekt sind normal. Ich brauche auch Kreon und Ursofalk (Lebertabletten), um alles im „grünen Bereich“ zu halten. Die chronische Sinusitis kommt daher, dass bei mir alles recht verknöchert ist. Ob das direkt mit der Krankheit zusammenhängt, weiß man nicht. Allerdings haben sehr viele Mukos Probleme mit krummer Scheidewand, Polypen und Ähnlichem. Psychisch ist so eine Sache. Wenn‘s mir gut geht, dann passt auch alles im Kopf. Aber sobald wieder ein Rückschlag kommt, wie seit neuestem die Kälteallergie, dann wird man „scheiß-drauf“.

Susannah Winter: Wie verlief deine Kindheit und Jugendzeit mit der Erkrankung?

Veronika Hosiner: Das Schlimmste waren als Kind die Ambulanzbesuche. Ich hasste Nadeln, musste zur wöchentlichen Physiotherapie, die mir heute sehr hilft, da ich weiß wie ich atmen muss um Sekret lösen zu können. Ich hatte, als ich dann das Kreon (Pankreatin zur Verdauung) bekam, ein relativ normales Leben. Gut, ich kenne es auch nicht anders. Ich habe eben meine Tabletten brav geschluckt, bin zur Therapie gegangen, war häufiger als andere Kinder stationär im Krankhaus. Mit 7 bekam ich dann eine Leberzirrhose diagnostiziert und da kamen dann nochmal 2 Tabletten mehr dazu. Aber dazwischen war eigentlich alles normal. In meiner Jugend wurde ich dann nachlässig. Ich hab angefangen zu rauchen, hatte auch meine Sauf-Gelagen, wie jeder Jugendliche. Ich hatte auch keine Probleme in der Schule mitzuhalten. Nur beim 100-Meter-Sprint war ich immer unter den Letzten. Dann kam die Lehre, ich hatte oft Schmerzen. Zu allem Überfluss wurde mir da dann unterstellt, dass ich simuliere und wurde plötzlich nicht mehr in Watte gepackt, sondern richtig gedrillt. Ich ging jeden Tag mit Schmerzen zur Arbeit. Oft wurden mir Stunden abgezogen, weil mir vorgeworfen wurde, ich würde zu langsam arbeiten. Die Lehre war der Horror! Das hat mich aber nicht daran gehindert, meine Lehre mit Auszeichnung abzuschießen!

Susannah Winter: Wirklich eine bemerkenswerte Leistung, auf die du sehr stolz sein kannst. Wie gestaltet sich der Umgang mit anderen sonst? Viele Erkrankte, ganz gleich welche Krankheit sie nun haben, erleben sich oft nicht mehr in der „Mitte der Gesellschaft“, sondern außen vor. Wie ist das bei dir? Welche Auswirkungen hat die Erkrankung heut auf deine Arbeitsfähigkeit, auf soziales Miteinander? Kannst du den Alltag alleine meistern? Hast du Hilfe und wie erlebst du den Umgang anderer Menschen mit dir?

Veronika Hosiner: Ich bin in Invaliditätspension, wohne 150 km weit weg von meinem Geburtsort und kenne da, wo ich jetzt wohne, kaum jemanden. Ohne Arbeit, findest du auch schlecht neue Bekanntschaften. Mein soziales Miteinander besteht aus meiner Familie und Facebook! Ohne Facebook wäre ich bestimmt schon in einer Anstalt. Diese Einsamkeit, auch wenn man Mann und Kind hat, ist grausam. Das verstehen auch die wenigsten, weil man ja nicht alleine ist. Aber mit Freunden mal fortgehen oder andere zu Besuch einladen, ganz normale soziale Dinge, die habe ich halt nicht.

Susannah Winter: Also bist du via Internet mit anderen Betroffenen vernetzt? Vielleicht auch persönlich? Nimmt dieser Austausch eine besondere Stellung in deinem Leben ein?

Veronika Hosiner: Ja, beides. Ich habe ein paar Freunde stationär kennengelernt. Wir müssen natürlich Mundschutz tragen, Abstand halten und immer unsere Hände desinfizieren. Aber man kann da wirklich frei reden über die unangenehmen Seiten von Muko, die sonst jedem peinlich sind! Und wir lachen darüber, das ist echt wichtig! Ich bin in 3 kleinen Muko-Gruppen auf Facebook, wo ich mich mit anderen gut austauschen, mich mal auskotzen oder einfach quatschen kann. Der Zusammenhalt ist Wahnsinn! Wir machen uns Sorgen, wenn einer von uns eine OP hat, fragen nach, so wie auch bei mir gefragt wurde. Ich bin froh da dazugehören zu dürfen. In der großen Muko-Gruppe bin ich allerdings nicht mehr. Dort sind einfach zu viele Leute gestorben, das zieht heftig runter! Da freundet man sich an, chattet ein wenig und ein paar Wochen später sind sie einfach tot. Das hab ich nicht ausgehalten.

Susannah Winter: Also begleitet dich das Thema Tod schon?

Veronika Hosiner: Ich lächele meist und sage mir: „Na und? ich sterbe schön und faltenfrei!“, allerdings ist das eben nur Fassade und ich versuche, nicht zu oft darüber nachzudenken.

Susannah Winter: Dann wenden wir uns wieder dem Leben zu. Die meisten Mukoviszidose-Patienten sind unfruchtbar, auch dir hatte man Unfruchtbarkeit bescheinigt. Dann kam überraschend doch ein Kind. Der Kleine ist kerngesund auf die Welt gekommen. Wie ist das Leben mit Kind?

Veronika Hosiner:  Boah, kann der anstrengend sein! Er ist jetzt 5 und testet nicht seine Grenzen aus, sondern meine! Er ist voller Energie, mit der nicht mal normale Mütter mithalten könnten. Ein Kind halt. Aber für mich war von Anfang an klar, dass ich das Glück habe, es versuchen zu können und habe alle damit überrascht ein gesundes Kind zur Welt gebracht zu haben! Ich habe ja vorher oft zu hören bekommen: „Warum setzt man als kranke Mutter ein Kind in die Welt?“. Ich konnte halt nicht einfach ein Kind abtreiben lassen, wenn das meine einzige Chance ist, Mutter werden zu dürfen! Auch auf die Gefahr, dass ich es nicht schaffe, habe ich dann was hinterlassen! Und gesunde Mütter können auch plötzlich Krebs bekommen oder einen Unfall haben. Aber die Schwangerschaft war hart. Sie hat mich fast das Leben gekostet. Meine Lunge wurde dadurch schwer in Mitleidenschaft gezogen. Ich hatte nach meiner Schwangerschaft dann auch noch eine Endometriose in den Bauchmuskeln die entfernt werden musste (da bildet sich im Körper eine weitere Gebärmutter). Danach hatte ich noch weitere Probleme mit meinen weiblichen Organen und ließ sie schließlich entfernen. Seitdem geht’s mir zwar besser, aber ich bin absolut nicht leistungsfähig

Susannah Winter: Menschen die dir sagen, du hättest lieber abtreiben sollen, haben ja nun auch nicht wirklich das Wohl deines Kindes im Auge. Vergessen wir solche unsinnigen Aussagen mal für einen Augenblick: Gibt es dennoch Momente, in denen du an deine Grenzen kommst?

Veronika Hosiner: Der Kleine ist fünf, der will die Welt erkunden. Ich kann meist nicht mal mit meinem Sohn draußen spielen, ohne dass ich mich damit in Gefahr begebe, einen anaphylaktischen Schock zu bekommen. Ich sitze am Fensterbrett und schaue zu, wie mein Mann und mein Sohn draußen spielen. Das tut weh! Oder wenn ich mein Kind mit seinem Vater alleine lasse, weil ich mal wieder ins Krankenhaus muss.

Susannah Winter: Wenn wir jetzt schon über den Zusammenhang „Gesellschaft und Erkrankung“ sprechen wüsste ich gerne, ob dir Vorurteile begegnen? Du siehst ja nicht krank aus.

Veronika Hosiner: Klar, ich bin jung, mir fehlen keine Körperteile, ich rede normal (naja, ein bisschen viel und schnell vielleicht). Da hört man dann schon so Sachen wie: „Also warum gehst du nicht arbeiten?“, „Warum gehst du nie weg?“. All das sind so Sachen wo ich mir einfach nur denke: „Ach rutscht mit doch den Buckel runter!“

Susannah Winter: Was würdest du dir von anderen Menschen wünschen? Wie sollten sie im Idealfall auf dich reagieren?

Veronika Hosiner: Bei Fremden würde ich mir wünschen, sie würden sich blöde Kommentare wie: „Rauch weniger!“ sparen,  denn mein Husten hat mit Rauchen nichts zu tun. Ich bin übrigens Nichtraucher von dem Tag an, an dem ich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt. Auch: „Iss mehr, du schaust aus wie eine Magersüchtige!“ darf man sich getrost verkneifen.

Susannah Winter: Jeder, der in unserer Gesellschaft erkrankt, macht früher oder später Bekanntschaft mit Politik. In dem Fall mit dem Gesundheitssystem und Behörden, mit Ärzten und Vorschriften. Wie war das bei dir?

Veronika Hosiner: Eine endlose Geschichte. Vom Sozialamt wurde ich eiskalt im Stich gelassen! Ich wurde von der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) und dem Service für Arbeitssuchende (AMS) hin und her geschickt. Ein halbes Jahr lang bekam ich nur 320 Euro im Monat. Mein Mann und ich waren damals nicht verheiratet, dennoch wurde er voll mit berechnet und das obwohl mein Kind nicht sein leiblicher Sohn ist. Mein Mann bekam damals knapp 900 Euro, er musste Alimente zahlen. Wir hatten eine kleine Wohnung die über 500 Euro gekostet hat. Ich hab einen extrem hohen Kalorienverbrauch und muss dementsprechend sehr viel Essen. Da blieb nichts übrig! Wir machten in der Zeit Schulden bei der Bank. Ich war schon ziemlich verzweifelt als ich beim Sozialamt um Hilfe bat, auch mit dem Vorschlag, das Geld in Raten zurückzuzahlen. Ich bekomme es ja dann eh nach bezahlt. Dennoch wurde diese Hilfe verweigert. Und das nur, weil sich ein Mann in mich und den Kleinen verliebt hat und für uns da sein wollte! Ein anderer Mann hätte angesichts dieser Belastung sicher das Weite gesucht. Das war eine harte Zeit. Ich bekam schließlich 10.000 Euro nachbezahlt, nachdem wir Monate von der Hand in den Mund leben mussten. Da haben wir uns dann ein Auto geleistet, damit mein Mann nicht mehr mit dem Zug zur Arbeit fahren musste, haben die Schuldenlöcher gestopft und mit dem letzten Rest haben wir uns eine Woche Kroatien gegönnt! Unser bisher einziger Familienurlaub. Seit Mai 2015 bin ich nun in Pension und muss zum Glück keine Angst mehr haben, kein Geld mehr zu bekommen.

Susannah Winter: Welche Erfahrung hast du mit Ärzten gemacht? Wie sieht deine derzeitige Behandlung aus?

Veronika Hosiner: Ich bin bei einer lieben Ärztin in Wien. Ich mag sie wirklich gerne und vertraue ihr blind. Ihr habe ich es auch zu verdanken, dass mich nur die besten Ärzte im Krankenhaus operieren und ich kein Versuchsobjekt für einen Neuling bin. Ohne meine Medikamente könnte ich nicht leben. Linderung allerdings direkt bringen mir nur die Inhalatoren, mit deren Hilfe die Bronchien erweitert werden, falls ich mal wieder wie ein Fisch nach Luft schnappe. An Therapie mache ich nur das Notwendigste. Die kostet nämlich sehr viel Kraft und nimmt zu viel Zeit in Anspruch. Dafür mache ich Sport: Ich putze, koche, wasche und versorge das Kind mit Action. Das reicht dann auch.

Susannah Winter: Gibt es hinsichtlich der ärztlichen Behandlung auch etwas zu bemängeln?

Veronika Hosiner: Aktuell z.b., dass das Medikament „Orkambi“ nicht für die Mukos bezahlt wird, die es nehmen können.  Das kostet 30.000 Euro im Monat, aber es soll Erleichterung bringen. Ein weiteres Thema ist das unsinnige Verbot von Cannabis. Es ist erwiesen, dass es den Appetit anregt, hilfreich, da ich viel essen muss. Außerdem wirkt es schleimlösend, entzündungshemmend, tötet Keime und wirkt schmerzlindernd/entspannend. Nur könnte ich das halt nicht rauchen sondern müsste gucken, wie man das flüssig inhalieren kann. In Form von Tropfen wäre es auch sinnvoll. Da gibt es z.b. Dronabinol, was leider nur für Krebspatienten in Österreich erhältlich ist. Man wäre dann auch nicht high oder ähnliches, weil der CBD Wert der wichtigere ist. THC minimal eingenommen macht einen ja nicht „high“, aber würde helfen. Wenn ich könnte oder mich jemand fragen würde, ich würde dafür sofort an einer Studie teilnehmen! Außerdem ist es ungefährlich! Es macht nicht süchtig, es hat keine Nebenwirkungen und es gibt keinen einzigen Todesfall durch Cannabis.

Susannah Winter: Welche Tipps würdest du Menschen geben, die mit derselben Erkrankung zu kämpfen haben? Vielleicht auch Tipps für Eltern, die gerade erfahren haben, dass ihr Kind betroffen ist? Gibt es praktische Ratschläge, die Menschen in ähnlicher Situation den Alltag erleichtern?

Veronika Hosiner: 1. Die Medizin forscht ununterbrochen, also bloß nicht die Hoffnung aufgeben. 2. Mukoviszidose ist kein Todesurteil. 3. Wir Mukos sind zwar immer fröhlich, aber auch sehr zerbrechlich! 4. Wenn euer Kind ein Tier will, besorgt es ihm/ihr! Ein Tier ist Balsam für die Seele und bringt auch ein paar Abwehrkräfte mit sich. 5. Packt euer Kind nicht in Watte, seid aber da, wenn es euch braucht! 6. Jugendsünden sind erlaubt, wir wollen ja so normal wie möglich sein. 7. Uns muss man immer bisschen in den Hintern treten, denn keiner macht wirklich ALLES was die Ärzte sagen und predigen. Das geht auch gar nicht. Wir sind keine Maschinen.

Ein guter Arzt ist wichtig. Und den erkennt man daran, dass er offen mit dir redet. Es sollte eine Vertrauensbasis herrschen. Auch ich sage meiner Ärztin, wenn ich mal wieder nicht jeden guten Rat befolgt habe. Sie geht dann auf mich ein, nimmt Ängste. Gute Ärzte stellen nicht nur Regeln und Verbote auf. Es muss einfach passen.

Susannah Winter: Abschließend: Was wird in Artikeln über Mukoviszidose normalerweise außen vor gelassen oder findet keine Erwähnung, was du unbedingt würdest lesen wollen?

Veronika Hosiner: Dass Mukoviszidose eine hundsgemeine Krankheit ist, dass aber jeder unterschiedlich betroffen ist. Jeder hat sein eigenes Krankheitsbild! Es sterben Kinder daran, man kann aber auch ein fast normales Leben führen und heute schon eine Familie gründen.

Susannah Winter: Ich bedanke mich für deine Offenheit und wünsche dir und deiner kleinen Familie von ganzem Herzen alles Gute für die Zukunft

 

(Für die  geplante Blog-Reihe „Reden wir über…“ sucht die Autorin auch in Zukunft Menschen, die über ihre physische/psychische Erkrankung im Kontext Gesellschaft/Politik/Inklusion aber auch allgemein über ihr individuelles Erleben berichten wollen. Kontaktdaten und nähere Informationen finden sich hier.)

Im Zweifel für Europa – DiEM25

(Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch)

 

„Nicht ein Europa der Mauern kann sich über Grenzen hinweg versöhnen, sondern ein Kontinent, der seinen Grenzen das Trennende nimmt.“ (Richard von Weizsäcker (*1920), dt. Politiker (CDU), 1984-94 Bundespräsident)

Seit Wochen schon war Yanis Varoufakis durch die Welt gejettet, hatte Werbung für sein neues, politische Projekt gemacht. Heute, am 09.02.16,  sollte das Projekt „DiEM25“, ins Leben gerufen von Yanis Varoufakis, dem ehemaligen Finanzminister Griechenlands, offiziell ins Leben gerufen werden.

Angekündigt war das Ganze als europaübergreifende Bewegung, die Europa demokratisieren soll. Wie ich in anderen Diskussionen schon feststellen durfte, wird dieser Anspruch gerne falsch verstanden. Es geht hier nicht darum, den einzelnen Staaten Europas einen Mangel an Demokratie zu unterstellen, obwohl die demokratische Ausprägung von Land zu Land unterschiedlich gestaltet ist. Vielmehr, so erklärte Varoufakis u.a. im Vorgespräch am Montagabend bei „TalkReal“ in Gesellschaft von Marisa Matias, portugiesischer Präsidentschaftskandidatin für die Linken, Sławomir Sierakowski, den Gründer von Krytyka Polityczna und Valentina Orazzini, internationale Repräsentantin der italienischen Gewerkschaft Fiom Cgil Nazionale, ginge es bei dem Anspruch einer Demokratisierungsbewegung vor allem um die Politik Brüssels, der es an demokratischer Legitimation fehle. Und so lautete dann auch der Einstieg in die Diskussionsrunde:

„We need to do something simple and radical – Put demos back into democracy“ (Wir müssen etwas Einfaches und Radikales tun – Den Demos zurück in die Demokratie bringen).

Dieser sei, auf europäischer Ebene, aus dem politischen Prozess ausgeschlossen worden. Wer sich die europäischen Entscheidungsprozesse ansieht, kann dem kaum widersprechen. Aus dem politischen Kern Europas ist ein unüberschaubarer bürokratischer Apparat geworden, der nicht gewählt und somit auch nicht abgewählt werden kann. Laut der offiziellen Homepage von DiEM25 tummeln sich dort mehr als 10.000 Lobbyisten, Entscheidungen finden unter Ausschluss europäischer Öffentlichkeit statt. Die europäischen, politischen Prozesse sind von den demokratischen Prozessen der Nationalstaaten abgekoppelt, Europa ist in diesem Zustand mehr Technokratie als Demokratie.

Im Gegensatz zu vielen nationalistischen und auch linken Bewegungen in Europa lässt DiEM25 keinen Zweifel an seiner Verbundenheit mit der europäischen Idee. So heißt es in dem „Manifest“ auf der offiziellen Homepage auch schon vor Start der Bewegung:

„Die Europäische Union war eine außergewöhnliche Errungenschaft die die europäischen Völker, die verschiedene Sprachen sprachen und aus unterschiedlichen Kulturen stammten, in Frieden zusammenbrachte und damit bewies, dass es möglich war, einen gemeinschaftlichen Rahmen aus Menschenrechten zu schaffen, auf einem Kontinent, der nicht lange vorher Heimat mörderischen Chauvinismus‘, Rassismus‘ und der Barbarei war.“

Diese innige Wertschätzung für Europa zieht sich durch die gesamte Vorstellung des Projektes DiEM25. Schon deshalb ist die Bewegung einen zweiten Blick wert.

Wo die Rechten und Populisten als Antwort auf den Mangel an Demokratie auf europäischer Ebene nur die Rückkehr zu Nationalstaatlichkeit zu bieten haben, zu klaren Hierarchien, Unterwerfung, Abkehr von allgemeingültigen Menschenrechten, unfähig zu begreifen, welche Vorteile für Frieden, Handel, aber auch für politische Handlungsfähigkeit in der europäischen Union liegen, wagt hier eine linke Bewegung den Umkehrschluss. Sie will nicht mehr und nicht weniger, als Europa zu reformieren, es denselben demokratischen Prozessen und Grundprinzipien zu unterwerfen, wie sie auf nationaler Eben (noch) in großen Teilen zu finden sind.

So lautet ein Appell auf der Homepage:

„Democratise Europe! For the EU will either be democratised or it will disintegrate!” (Demokratisiert Europa! Denn die EU wird entweder demokratisiert oder sie wird sich auflösen)

Bedauerlicherweise kommen die guten Ideen auch hier nicht ohne eine Prise Populismus aus, der hier vor der offiziellen Vorstellung auf der Webseite vor allem in nicht ausgearbeiteten Schlagworten daherkam und sicherlich der Eigenvermarktung im Vorfeld geschuldet ist. Denn auch DiEM25 wirbt um die, die politisches Interesse sowie das Interesse an Europa hinter sich gelassen haben, die Nichtwähler und Abgehängten, die Unzufriedenen. Die Forderungen nach mehr Transparenz, Kritik am Banken-Bailout, an der Macht der Großunternehmen hört und liest man in dieser Form lagerübergreifend von Rechten wie von Linken. Hier fehlt es (bisher zumindest) an klaren Vorstellungen darüber, wie genau man das Ziel erreichen möchte. Auch wenn nach eingehender Lektüre die Richtung klar wird: Hier sind eben, wie bei jedem demokratischen Prozess, die Bürger in der Pflicht. DiEM25 will aufrütteln („Shake Europe gently, compassionately, firmly).

Gerade die, die auf die Einfachheit einer Renationalisierung hoffen und nach eben dieser schwer desillusioniert werden dürften, denn Nationalstaaten würden nicht handlungsfähiger, sondern im Gegenteil abhängiger vom Handeln der Konkurrenzstaaten und der Märkte, müssten mitziehen. Bleibt zu hoffen, dass dieses Verständnis für die Notwendigkeiten europaübergreifender Mehrheiten und Bewegungen DiEM25 nicht auf lange Sicht den Schulterschluss mit Rechten proben lässt. Sie wäre nicht die erste linke Bewegung, die dieser Versuchung erliegt.

Kaum war heute Morgen die erste Pressekonferenz gelaufen, überschlugen sich die Medien, die sich über Monate auf Varoufakis, aber auch Griechenland ganz allgemein, sowie den Anspruch der griechischen Bevölkerung auf ein demokratisches Mitspracherecht, eingeschossen hatten mit Vorwürfen, das Vorhaben sei reine Utopie. Die Antwort, die man dazu auf der Homepage findet ist diese:

“Our goal to democratize Europe is realistic. It is no more utopian than the initial construction of the European Union was.” (Unser Ziel, Europa zu demokratisieren, ist realistisch. Es ist nicht utopischer, als es die ursprüngliche Konstruktion der Europäischen Union war)

Eine durchaus ernstzunehmende Einschätzung, schaut man sich die Geschichte an. Erfolgreiche gesellschaftsverändernde Prozesse starteten mit der Vorstellung eines besseren Gesellschaftssystems. Und ja, auch Demokratie kann scheitern, kann Rückschläge erleben. Demokratie ist kein feststehender Zustand, der von jemandem gebracht oder erhalten wird. Demokratie ist Bewegung, Veränderung und für jede neue Generation bedeutet er den erneuten Kampf um Grundrechte, die mal selbstverständlich, mal utopisch scheinen. Viele Dinge, die wir heute für gegeben halten, waren mal Utopien. Rechtsstaatlichkeit schien einst ebenso utopisch wie Verfassungen, Abschaffung der Sklaverei, Bürgerrechte, das Verdrängen kirchlicher Macht, um nur einige Beispiele zu nennen.

Der offizielle Launch in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, der via Live-Stream zu verfolgen war, begann mit einem Werbevideo, das mit seinen süßlichen und populistischen Bildern tragischerweise den Kritikern in die Hände spielen wird. Wie für Werbefilmchen üblich, war der Anspruch, ein möglichst breites Publikum anzusprechen und die Inhalte auf simple Aussagen herunterzubrechen, ein denkbar schlechter Einstieg für die, die sich im Vorfeld nicht mit Inhalten und Ideen der Bewegung auseinandergesetzt hatten. Auch hier wiederholte Varoufakis die Aussagen vom Vortag, wies zudem auch noch einmal auf die vier Regeln, denen DiEM25 sich verschrieben hat, hin:

 

  • Kein europäisches Volk kann frei sein, solange die Demokratie eines anderen europäischen Volkes verletzt wird.
  • Kein europäisches Volk kann in Würde leben, so lange es einem anderen verwehrt wird
  • Kein europäisches Volk kann auf Wohlstand hoffen, solange ein anderes in dauerhafte Insolvenz und Depression gestürzt wird.
  • Kein europäisches Volk kann wachsen ohne ein Existenzminimum für seine schwächsten Bürger sicherzustellen, Entwicklung zu ermöglichen, ökologische Balance herzustellen und das Ziel, unabhängig von fossilen Brennstoffen zu werden.

 

Eine Reihe an Sprechern aus diversen europäischen Staaten, aktiv in Politik und Gewerkschaften, nahmen an diesem Abend die Chance wahr, ihre Ansichten und Hoffnungen in Bezug auf ein anderes Europa zum Ausdruck zu bringen.

Wer sich auf die negativen Aspekte des heutigen Abend konzentrieren möchte, der erwähnt das Eingangsvideo, die Rede von Julian Assange, der wirr und abwesend wirkte, der pickt sich den einen oder anderen Redner heraus, der ihm politisch von jeher nicht ins Konzept passt. Und der hat Recht, denn keine Frage, zu kritisieren gäbe es genug.

Und wer sich ausschließlich auf die positiven Aspekte stürzt, dem kann es passieren, dass die Enttäuschung über ein Scheitern der Bewegung überraschend kommt und ihn dazu bringt, jeden weiteren Ansatz, konstruktiv und demokratisch, rechtsstaatlich und friedlich eine Veränderung Europas herbeiführen zu wollen, mit welchem politischen Konzept auch immer, mit einem Schulterzucken und mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Aber auch er hat in seinem Ansatz Recht, denn der Versuch konstruktiver Veränderung verdient zumindest den Raum, ausprobiert werden zu können, ohne bereits im Keim erstickt zu werden.

Die ersten Reaktionen auf die Veranstaltungen lassen befürchten, dass über Differenzen über involvierte Personen und Rhetorik die Idee begraben wird, bevor sie in die Verlegenheit kommt, sich beweisen zu müssen. Eine weitere Enttäuschung für die, die Mühe haben, überhaupt noch an die Möglichkeit eines solidarischen Europa zu glauben.

Dabei sollte man nicht vergessen, dass Menschen, die noch davon überzeugt sind, man könne die Welt demokratisch und konstruktiv gestalten der einzige Lichtblick in Gesellschaften sind, die von Renationalisierung, Rassismus, Hass und in Teilen auch Refaschisierung betroffen sind. Es sind im Zweifel diese Menschen, die Gewerkschaften, Parteien, Organisationen gründen. Menschen, die das nicht mehr für möglich halten, fordern das Schießen auf Flüchtlinge und hohe Mauern.

DiEM25 hat sich und seinen Start heute ausgiebig gefeiert. Ab morgen wird die Bewegung beweisen müssen, was von den vollmundigen Ankündigungen auch in die Tat umzusetzen ist. Und erst fern von den Bühnen, im Umgang mit den Machbarkeiten, wird sich herausstellen, ob das Projekt mehr ist, als eine ideelle Luftblase.

Mir bleibt nur die Bitte an alle Leser, sich weder auf meine Worte, noch auf die der üblichen Pressestimmen zu verlassen, sondern sich ein eigenes Bild zu machen und vor Vorverurteilung wenigstens kurzzeitig in die Materie einzutauchen.

„Europa ist unsere Zukunft, sonst haben wir keine“ (Hans-Dietrich Genscher (*1927), dt. Politiker (FDP), 1974-92 Bundesaußenminister)

Wahlkrimi

(Zuerst veröffentlicht auf FischundFleisch)

In Amerika haben die Kandidaten für das Präsidentenamt sich in Stellung gebracht und durften sich nach einigen Wahlkampfbemühungen dem ersten Stimmungstest stellen.

Beim Caucus stimmen Parteimitglieder bei vielen kleinen Treffen über ihren Wunschbewerber ab. Die Vorwahlen sind seit Montagabend in vollem Gange und Iowa mit seinen 99 Counties, traditionell der erste Staat in dem gewählt wird, hat sich auf Seiten der Republikaner mit Ted Cruz für seinen bevorzugten Präsidentschaftskandidaten entschieden. Gegen alle Erwartungen schlug der den Favoriten aller Umfragen, Donald Trump, um 3,4 Prozentpunkte. Insgesamt kam Cruz auf 27,7 Prozent der Stimmen, Trump auf 24,3 Prozent. Bei den Demokraten gab man mit übersichtlichen 0,2% Hillary Clinton knapp den Vorrang. Gesamtzahlen hier: 49,8% für Clinton, 49,6% für Sanders.

Während der Agrarstaat Iowa bis in die späten 60er als republikanische Hochburg galt, konnte man seitdem von einem Wandel zum „Swing State“, also einem relativ ausgewogenen Verhältnis zwischen der Wahl von Republikanern und Demokraten, sprechen. Seit 1988 hingegen gewannen beinahe ausschließlich Demokraten die Wahl, wobei hier George W. Bush die Ausnahme darstellte. Im Jahr 2004 gewann dieser, denkbar knapp mit 10 000 Stimmen Vorsprung, die Wahl.

Der Ausgang der Vorwahl in Iowa in diesem Jahr war also keineswegs vorhersehbar. Umfragen sahen Trump, der ebenso wie Ted Cruz (und neun weitere Aspiranten) für die Republikaner kandidierte, lange vorne.

Doch so klar, wie die Umfragewerte im Vorfeld glauben machen wollten, fiel die Wahl dann doch nicht aus. Auf Seiten der Demokraten war in der Nacht vom prognostizierten klaren Vorsprung Clintons nicht mehr viel zu erkennen. Die Auszählung war spannend wie ein Krimi. Prozentpunkt um Prozentpunkt konnte Sanders aufschließen. Und bei den Republikanern blieb auch der, schon im Vorfeld von Donald Trump selbst verkündete, große Triumph aus. Die wählten lieber den solideren Cruz.

Trump

hatte den Wahlkampf im Vorfeld vor allem mit lautem Getöse, Polemiken, Beleidigungen gegen Journalisten und andere Kandidaten geführt. Medienmensch und Marktschreier durch und durch, verfolgte er das Konzept „Aufmerksamkeit um jeden Preis“. Die Umfragewerte gaben ihm Recht. Das inhaltliche Vakuum vermochte er gekonnt mit kalkuliertem Eklat zu füllen. Die zunehmende Existenzangst, die in Amerika ebenso wie in Europa grassiert, auch sie hat ihren Anteil an Trumps Siegeszug. Wo die Menschen ihre Rechte und Chancen schwinden sehen, stimmen sie, vor allem wenn Bildung und Maß fehlen, mit den Füßen ab. Und niemand trampelte lauter durch den Wahlkampf als Trump.

Dabei hatte auch er Schwierigkeiten zu verzeichnen. Die Konservativen mochten die Tatsache, dass Trump bereits zweimal geschieden wurde ebenso wenig, wie seinen Mangel an Bibelfestigkeit. Für republikanische Kandidaten gehören die Evangelikalen jedoch zu den wichtigen Wählergruppen. Wie ein roter Faden zogen sich sexistische und rassistische Äußerungen durch Trumps Wahlkampfreden. So beschimpfte er Frauen allgemein, gerne aber auch Journalistinnen die ihm zu kritisch waren, offen als „Schwein“, „Hund“, „Schlampe“, „widerliches Tier“. Trumps rhetorische Grobschlächtigkeit kannte hier keine Grenzen. Der Aussage, alle Frauen seien „Goldgräber“ und es sei eh gleich, was Frauen zu sagen hätten, solange sie nur „jung seien und hübsche Ärsche hätten“ folgten wahlweise Belustigung und Empörung. Für seinen Rassismus war Trump schon vorher bekannt, verlor sogar seine NBC-Show „The Celebrity Apprentice“ nach einem seiner Ausfälle. Die Aussagen hier lauteten u.a., dass ein großer Prozentsatz, ja sogar die Mehrheit, der Einwanderer Vergewaltiger, Mörder und andere Kriminelle seien.

Diese Aussagen störten die selbsternannten Konservativen bisher jedoch offenbar weniger als Trumps Bekenntnis, „Gott niemals um Verzeihung gebeten“ zu haben, oder die Tatsache, dass er Bibelstellen schon mal falsch zitierte.

Dank Trumps Pöbeleien geriet der zweite relevante Kandidat der Republikaner, Ted Cruz, 2003 der bis dato jüngste Generalstaatsanwalt in einem US-amerikanischen Bundesstaat, sowie der erste hispanicstämmige Generalstaatsanwalt von Texas, zumindest hierzulande beinahe völlig in Vergessenheit. Dabei sahen die Umfragen Cruz durchaus auch vor der Wahl noch gut im Rennen. Umfragen in Iowa schätzten die Zustimmung für Trump auf 28%, während sich immer noch rund 23% für Cruz aussprachen. Eine Fehleinschätzung.

Cruz

füllte die Rolle, der Trump nicht gewachsen war und gab den klassischen Konservativen, Liebling der Evangelikalen, die in Iowa einen großen Teil der Wahlberechtigten ausmachen. Demonstrative Bescheidenheit und Präsenz vor Ort galten als seine Stärken, die ihn zum Liebling der Tea-Party-Bewegung machten. Als Gegenleistung für diese Unterstützung versprach er in seinen Wahlreden schon mal die „totale Zerstörung der IS-Miliz“ und ein Zurücknehmen der Verträge mit dem Iran ebenso wie eine Aufhebung von „Obamacare“. Cruz steht für freien Waffenbesitz und gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und bittet bei seinen Auftritten regelmäßig um Gebete für seine Präsidentschaftskandidatur.

Auch bei den Demokraten hatte sich schon vor der Wahl in Iowa der Wahlkampf um die Präsidentschaftskandidatur auf zwei Bewerber reduziert. Es galt hauptsächlich, zwischen Hillary Clinton und Bernie Sanders zu entscheiden.

Sanders,

gestartet als Außenseiter, hatte in den letzten Wochen und Monaten in den Umfragen deutlich aufgeholt. Dies galt vielen nicht unbedingt als Votum für Sanders, sondern eher als Misstrauensvotum gegen Clinton. Sanders, mit seinen Positionen bei vielen Amerikanern als „Sozialist“ verschrien, hatte man daher im eher konservativ-religiösen Iowa kaum Chancen ausgerechnet. Tatsächlich positionierte er sich deutlich weiter links im politischen Spektrum als Clinton.

Er stimmte im Gegensatz zu ihr gegen den Irak-Krieg, gegen Bankenhilfen, gegen den Patriot Act, war im Gegensatz zu Clinton bereits vor der Präsidentschaftskandidatur ein Verfechter der gleichberechtigten Ehe für Homosexuelle, spricht sich für eine Begnadigung Edward Snowdens sowie für eine Legalisierung von Cannabis zu medizinischen Zwecken aus. Während Clinton für ein militärisches Eingreifen in den Syrienkonflikt steht, hat sich Sanders klar dagegen ausgesprochen. Dies gilt auch für Internet-Zensur in Form von SOPAund das Freihandelsabkommen TTIP (denn ja, auch in Amerika regt sich Widerstand dagegen), denen Sanders, im Gegensatz zu Clinton, kritisch gegenübersteht. Außerdem gilt Sanders, anders als Clinton, als Gegner der Todesstrafe.

Wer sich

Clintons

Wahlprogramm ansieht, findet überhaupt eine Menge Überschneidungen mit konservativen Wahlkampfthemen. Und auch die Antipathien, die ihr entgegenschlagen, kommen nicht von ungefähr. So wurden schon mal Menschen der „Working Class“ für Wahlkampfzwecke vor die Kamera geholt, um vermeintliche Volksnähe zu suggerieren. Das falsche Lächeln in diesen Situationen mochte man ihr ebenso wenig abnehmen, wie das Interesse am Normalverdiener. Alles wirkte ein wenig steif, immer etwas zu aufgesetzt. Und angesichts Clintons eigener Herkunft und des eigenen finanziellen Backgrounds zudem wenig glaubwürdig. Auch ist Clintons rigide Haltung in der Frage „War on Drugs“, also Krieg gegen Drogen, oder besser gegen Menschen im Besitz von Drogen, äußerst bedenklich. Der Krieg gegen Drogen ist in Amerika vor allem der Krieg gegen den armen, vornehmlich schwarzen, Teil der Bevölkerung. Wer arm ist, greift eher zu Drogen oder fängt an, damit zu handeln. Wer mit Drogen erwischt wird landet für eine horrende Dauer hinter Gittern. Betrieben werden diese Gefängnisse nicht selten privat und für Profite. Diese Verquickung von Politik, Gefängnisprivatisierung und wachsender Armut hat dazu geführt, dass man im Bereich der Drogenkriminalität von Masseninhaftierungen sprechen kann. So ist Clintons „War on Drugs“ auch eigentlich ein „War on the poor“.

Das Ergebnis von Iowa ist ein erster Hinweis auf mögliche Erfolge oder Misserfolge der Präsidentschaftskandidaten, entschieden ist damit jedoch noch nichts. Seit 1972 hatte die Vorwahl in Iowa eine 43%ige Erfolgsrate darin, den finalen Präsidentschaftskandidaten für die Demokraten vorherzusagen und eine 50%ige Genauigkeit hinsichtlich des Kandidaten der Republikaner. Wer für die Parteien nun letztendlich ins Rennen gehen wird, ist damit noch nicht entschieden. Ein Hinweis darauf, was Amerika bis zur Präsidentschaftswahl am 8. November erwartet, ist es allemal.